:: THEMEN & TEXTE ::

Festvortrag zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit 2007: "Redet Wahrheit!"

Dr. Martin Doerry, Autor und Stellvertretender Chefredakteur des SPIEGEL, Hamburg

Die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit haben die diesjährige Woche der Brüderlichkeit unter das Motto „Redet Wahrheit“ gestellt; in meiner Konfirmanden-Bibel lauten die entsprechenden Verse des Propheten Sacharja etwas ausführlicher: „Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren, und keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten, und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht der Herr.“

 

Sacharjas Botschaft soll uns also den Weg durch die Irrungen und Wirrungen der Gegenwart weisen, so hat es der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften beschlossen. Und ich muss Ihnen hier gestehen, dass ich diese Idee anfangs nicht für besonders originell gehalten habe; zu banal schien mir dieses Zitat aus dem Alten Testament.

 

„Redet Wahrheit“! Ja, was sonst, so dachte ich zunächst; zum Gegenteil, zur Lüge werden nicht einmal die schlimmsten Diktaturen, die blutigsten Tyrannen ihre Untertanen auffordern – auch wenn sie die Lüge tagtäglich praktizieren, auch wenn ihre Herrschaft auf nichts anderem als Lügen beruht.

 

Andererseits können Menschen, die sich die Devise „Redet Wahrheit“ ständig und überall zu eigen machen, auch ziemlich lästig sein. Schlimmstenfalls werden sie sogar zu jenen Wahrheitsfanatikern, die ihren Mitmenschen bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit bedingungslos die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit aufdrängen, oder sagen wir besser: das, was sie für die Wahrheit halten. Dietrich Bonhoeffer hat in einem kleinen Aufsatz unter dem Titel „Was heißt die Wahrheit sagen?“ diesen Wahrheitsfanatiker als Zyniker bezeichnet, der auf die Schwächen anderer keine Rücksicht nehme, sie womöglich verletze und ihr Vertrauen breche.

 

Der Zyniker, so Bonhoeffer, „zerstört die lebendige Wahrheit zwischen den Menschen“.

 

Doch was meint der Theologe damit? „Der Begriff der lebendigen Wahrheit“, so räumt Bonhoeffer ein, „ist gefährlich und erweckt den Verdacht, die Wahrheit könne und dürfe der jeweiligen Situation angepasst werden, wobei sich dann der Begriff der Wahrheit gänzlich auflöst und Lüge und Wahrheit einander ununterscheidbar nahe rücken.“

 

Das also darf nicht geschehen. Gemeint ist vielmehr eine Wahrheit, die im persönlichen Umgang die Empfindungen des anderen respektiert, ihn nicht erniedrigt oder bloßstellt, ohne ihn deswegen gleich zu belügen – ein hochkompliziertes Verfahren, wie man einräumen muss. Tatsächlich bemüht sich wohl jeder von uns im Alltag immer wieder um eine Annäherung an diese „lebendige Wahrheit“, mit wechselndem Erfolg, wie die Erfahrung lehrt.

 

Aber ist es das, was der Prophet Sacharja uns sagen wollte?

 

Nun bin ich Historiker und Journalist, ein ziemlich glaubensferner Mensch zudem. Ich habe daher um Rat gefragt, und Gerhard Iber, ein Theologe, hat mir ein wenig Nachhilfe in Bibelkunde gegeben.

 

Demnach steht Sacharjas Botschaft im Zusammenhang mit der Rückkehr der Einwohner Jerusalems und Judas nach der Zerstörung des Tempels vor mehr als 2500 Jahren. Die Menschen sollten in ihre Heimat zurückkehren, aber zugleich begreifen, dass ihr Exil auch eine Strafe Gottes für ihre Gottesferne und ihr Weghören gewesen war. Jetzt galt es, neu anzufangen; doch für die wieder gewonnene Zuwendung Gottes mussten die Einwohner Jerusalems und Judas auch etwas tun, sie mussten nicht nur den Tempel wieder aufbauen und fasten, sondern auch die Wahrheit achten, ihre Mitmenschen respektieren und Frieden schaffen.

„Redet Wahrheit“ steht demnach für ein ganzes Programm – ein Programm, in dem neben einigen uns heute sehr plausiblen Vorstellungen auch immer wieder Forderungen nach Gottesfurcht und Glaube stehen, ausdrücklich oder zwischen den Zeilen. Insofern können sich viele Zeitgenossen – dazu zähle ich auch mich selbst – dieser Botschaft nur noch bedingt anschließen.

 

Die christlich-jüdische Welt hat sich in großen Teilen von ihren religiösen Wurzeln entfernt, sie folgt mehr einer moralisch-kulturellen, denn konfessionellen Tradition. Die Befolgung dieses Appells ist damit allerdings nicht unbedingt leichter geworden. Wer die strenge Hand Gottes nicht mehr fürchtet, muss zwar auch nicht mehr mit göttlichen Sanktionen rechnen, wenn er gegen die Devise „Redet Wahrheit“ verstößt. Dafür muss oder sollte er aber die Begründung für Sacharjas Gebot in sich selbst tragen, er muss sich ein entsprechendes moralisches Fundament schaffen, das er für vernünftig und praktikabel hält.

 

Tatsächlich unterwerfen sich die dem Glauben entfremdeten Christen und Juden der Gegenwart heute nur noch einer Konvention, die schlicht und einfach besagt, dass die Unwahrheit unredlich ist. Diese Unterwerfung ist der Preis der Aufklärung.

 

Allerdings sehen wir derzeit, dass jene Kulturen, die den Prozess der Aufklärung noch nicht durchschritten haben, bei dem Appell „Redet Wahrheit“ an etwas anderes denken. Zwar kennt auch der Islam, die dritte monotheistische Weltreligion, das Wahrheitsgebot, und er verknüpft es ebenfalls mit der Gottesfurcht: Allah straft die Ungläubigen, er straft jene, die ihn leugnen, verachten und somit die Unwahrheit sagen. Diese Wahrheit aber folgt allein den Gesetzen des Korans, sie muss sich nicht in der Realität bewähren.

 

Das freilich ist nicht jener Begriff von Wahrheit, den der aufgeklärte Zeitgenosse im glaubensfernen Westen meint. Er strebt nach einer absoluten Wahrheit, die auch auf religiöse Bindungen keine Rücksicht nimmt oder nehmen muss.

 

Bevor ich fortfahre, muss ich Ihnen kurz erklären, warum ich schon zweimal so scheinbar leichtfertig von christlich-jüdischer Kultur und Tradition gesprochen habe. Womöglich denken Sie sogar, ich hätte mein Thema verfehlt, schließlich gibt es bekanntermaßen zahlreiche Spannungen zwischen Christen und Juden.

 

Allein, dieser Streit wäre bei weitem nicht so heftig, wenn nicht die Auseinandersetzung mit dem militanten Islam seit Jahren schon unseren Alltag überschatten und vielerorts prägen würde. So können oder wollen viele Christen in Europa nicht verstehen, wie die Juden Israels im Konflikt mit den Palästinensern umgehen, das trennt uns, ohne Zweifel. Denken Sie nur an die verunglückten Statements der katholischen deutschen Bischöfe, kürzlich bei ihrem Besuch in Israel. Wer die Lage in Ramallah mit der im Warschauer Ghetto in Beziehung setzt, trägt sicher nicht zur Annäherung von Christen und Juden bei. Nur: Wäre da nicht der weltweite Terror von Hamas, Hisbollah und al-Quaida, der den Bau der so unmenschlich wirkenden Grenzmauer bei Ramallah ja erst notwendig gemacht hat, ich denke, Juden und Christen könnten viele Differenzen schnell beilegen.

 

Vor einem Jahr hat an dieser Stelle der ehemalige Landesbischof Klaus Engelhardt von der „Notwendigkeit des Dialogs mit Muslimen in unserem Land“ gesprochen. „Muslime“, ich zitiere Engelhardt wörtlich, „sind hier in Deutschland irritiert über die mangelnde Sprachfähigkeit der Christen, was Religion und Glauben angeht.“

Gläubige Christen und Juden, so der ehemalige Landesbischof weiter, seien in der Pflicht, einen konstruktiven Dialog mit jenen Muslimen zu führen, „die in ihrem Glauben verwurzelt sind.“

 

Ich will den Sinn dieses Dialogs nicht in Frage stellen. Aber ich räume ein, dass ich mir von einem anderen Dialog sehr viel mehr versprechen würde, nämlich dem Gespräch zwischen den gläubigen Muslimen und ihren islamistischen Glaubensgenossen, ja den Terroristen und Bombenlegern, ob nun in Israel, Palästina, Irak oder Afghanistan. Wenn es überhaupt ein solches Gespräch bislang gegeben hat, so ist es jedenfalls erfolglos geblieben. Ich frage mich ernsthaft, ob jene, die sich zwar auf Allah berufen, aber den Terror nicht öffentlich verdammen oder wenigstens einzudämmen versuchen, Gesprächspartner eines wahrhaftigen Dialogs mit Christen oder Juden sein können oder sollten.

 

Zumal dieser Dialog doch schon mancherorts, ja in vielen Gemeinden versucht wurde, und das bisher ohne nennenswerte Ergebnisse. Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann erzählte mir kürzlich in einem SPIEGEL-Gespräch eine bezeichnende Anekdote. Sein täglicher Fußweg durch die Mainzer Altstadt zum Dom habe ihn jahrelang an einem türkischen Imbiss vorbeigeführt. Und immer, wenn er in den Laden blickte, habe der Mann am Fleischspieß in einer symbolischen Geste die Hand so an den Hals gelegt, als wolle er ihm die Kehle durchschneiden. Irgendwann, so der Kardinal, sei er dann einfach auf den Mann zugegangen, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, aber, so Lehmann, „er hat kein Wort verstanden“.

 

Fast alle, die den interkonfessionellen Dialog fordern oder führen, sind in Wahrheit ziemlich ernüchtert. Und ich gestehe, dass ich nur wenig Verständnis für jene selbstkritischen Anklagen hege, die den Terror der Islamisten mit der vermeintlichen Intoleranz des Westens und seiner angeblichen Unterdrückung der muslimischen Welt zu erklären suchen. Solche seltsamen Vorstellungen sind im liberal-bürgerlichen Milieu Deutschlands und Europas weit verbreitet.

 

Ich will das Scheitern der Amerikaner im Irak nicht schönreden und auch nicht bestreiten, dass diese Politik neue, schreckliche Gewalt ausgelöst hat. Allerdings sollte man dabei den Terror des Saddam-Regimes nicht vergessen, dem Hunderttausende zum Opfer fielen, was auf merkwürdige Weise von vielen Amerika-Kritikern heute verdrängt wird. Tatsächlich sind Terror und Gewalt Phänomene der islamischen Gesellschaft selbst, sie ist vielerorts – nicht überall – äußerst demokratie- und frauenfeindlich, religiös intolerant, sozial ungerecht und zutiefst antisemitisch. Nicht dass Sie mich missverstehen: Diese Phänomene sind uns ja nur zu bekannt. Das alles hat es im mittelalterlichen Europa mit seinen Kreuzzügen, Pogromen und Hexenverbrennungen auch gegeben, noch schlimmer sogar, ganz zu schweigen von der Barbarei des Nazi-Deutschlands noch im 20. Jahrhundert. Aber die Völker Europas haben aus der Geschichte offenbar doch gelernt. Wenn wir uns also heute mit der aktuellen Bedrohung unserer Kultur durch den Terror auseinandersetzen, dann kann der Appell „Redet Wahrheit“ gar nicht häufig genug erklingen.

 

Nur: Was hat er dann konkret zu bedeuten?

 

Meine Kollegin Esther Schapira hat im diesjährigen Themenheft zur Woche der Brüderlichkeit uns Journalisten aufgefordert, sehr viel mutiger zu sein; wir sollten unsere Freiheit, die Wahrheit sagen zu können, auch nutzen und nicht kleinmütig oder gar opportunistisch sein. Esther Schapira nennt eine Menge Beispiele für das so genannte Appeasement der Medien: Es beginne schon bei der Wortwahl, wenn etwa die terroristische Hamas, die für zahlreiche Selbstmordattentate in Israel verantwortlich zeichnet,  als „radikal islamische Organisation“ verharmlost werde, und setze sich mit der Umkehrung von Tätern und Opfern fort, wenn etwa die Autorin Ayaan Hirsi Ali beschuldigt wird, sie habe mit der Kritik an der Unterdrückung der Frau im Islam die Empfindsamkeit der männlichen muslimischen Seele unnötig herausgefordert, sie dürfe sich also nicht über Todesdrohung und Verfolgung beklagen.

 

Ähnliche Vorwürfe musste sich übrigens schon Anfang der neunziger Jahre Salman Rushdie anhören: Sein Roman „Die Satanischen Verse“ verletze die religiösen Empfindungen der Muslime, so hieß es damals, es sei also nur folgerichtig, dass ihn muslimische Geistliche zum Tode verurteilt hätten.

 

Das Argumentationsschema ist in den Medien tatsächlich weit verbreitet: Die Opfer hätten die Sensibilität der Täter missachtet und seien insofern an ihrem Schicksal selber schuld. Allerdings wird eine solche Rücksichtnahme immer nur im Bezug auf den Islam gefordert. Niemand würde heute schreiben, dass die Opfer der spanischen Inquisition ihr Leben schon deswegen verwirkt hätten, weil sie die Sensibilität des katholischen Klerus damals allzu sehr strapaziert haben. Und das wäre ja auch unsinnig, denn die Vorwürfe gegen die Opfer der Inquisition waren, wie wir wissen, frei erfunden.

 

Heute, in der aufgeklärten Welt, die ihre christlichen Werte nicht mehr reflektiert oder zumindest als Selbstverständlichkeit betrachtet, sind Blasphemie und die Verachtung der Kirche längst alltäglich geworden, und kaum jemand setzt sich dagegen in den Medien zur Wehr. Ich fürchte, im Interesse der Freiheit müssen wir die Rücksichtslosigkeit gegen die religiösen Empfindungen vieler Menschen hinnehmen, gerade wenn wir darauf beharren, dass etwa Künstlern weltweit das Recht zusteht, sich in ihren Romanen oder Bildwerken kritisch mit religiösen Inhalten auseinander zu setzen.

 

Denn was wäre die Alternative? Die Rückkehr zu einer nur begrenzten Kunstfreiheit? Zwangsläufig ginge damit die Einschränkung der Meinungsfreiheit einher, und damit wiederum ein Verlust an Demokratie. Die offene Gesellschaft wäre keine offene mehr.

 

Aber ich ahne, dass mir hier einige in diesem Punkt nicht unbedingt zustimmen werden. Warum etwa musste Jyllands Posten diese Mohammed-Karikaturen drucken, warum musste die dänische Zeitung den Propheten verspotten, so ganz ohne Sinn und Zweck? Bischof Engelhardt etwa beteuerte in seiner Rede hier, vor einem Jahr: „Wir geben Pressefreiheit nicht preis, wenn die Veröffentlichung von Karikaturen, die religiöse Gefühle verletzen, unterbleibt.“ Die Medien müssten einen „verantwortlichen Umgang“ mit solchen Empfindungen pflegen, schon um einen freien Diskurs zu gewährleisten.

 

Ich räume ein: Natürlich war das eine nicht notwendige Provokation, niemand konnte aus diesen Karikaturen einen besonderen Erkenntnisgewinn ziehen. Doch darum geht es auch gar nicht. Das allermeiste von dem, was heute medial vermittelt wird, zielt nicht auf die Verbesserung der Menschheit, sondern allein auf deren Unterhaltungsbedürfnis.

 

Nur: wo liegt die Grenzlinie? Wer soll entscheiden, was sinnvoll und was unnötige Provokation ist? Die Gerichte werden von Zeit zu Zeit mit solchen Fragen beschäftigt und sind doch in der Regel ziemlich hilflos. Wenn nicht einzelne Personen ganz konkret verunglimpft werden, gehen die Provokateure zumeist und zu recht straffrei aus. Es gibt im Grunde nur eine Ausnahme, und das sind die Umtriebe von Neonazis und Holocaust-Leugnern. Hier endet die Toleranz der Justiz. Und das finden wir ja auch alle völlig in Ordnung. Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad übrigens hat diese Inkonsequenz längst erkannt und kürzlich gefragt, warum der Westen einerseits die Verletzung der religiösen Werte des Islam zulasse, andererseits aber die Leugnung des Holocaust bestrafe, das eine sei doch so sehr eine Meinungsäußerung wie das andere. Kein schlechter rhetorischer Trick, das muss man sagen.

 

Aber zurück zu den Mohammed-Karikaturen. Ein paar Monate nach der Veröffentlichung am 30. September 2005 reiste eine Delegation dänischer Muslime nach Ägypten und entfachte eine einzigartige Pressekampagne. Den zwölf veröffentlichten Karikaturen wurden noch drei weitere hinzugefügt, deren Quelle bis heute unklar ist, darunter der Prophet Mohammed als pädophiler Teufel sowie als Sodomist. Die arabische Welt ging auf die Straße, wütende Proteste, die viele Menschleben forderten, ein Handelsboykott gegen Dänemark. Und der Westen knickte ein: Entschuldigungsadressen aus Europa, eine Regierungskrise in Kopenhagen, Sympathieerklärungen für die angeblich gedemütigten Muslime der Welt.

 

„Die Moslems“, so schreibt Henryk M. Broder in seinem neuen Buch „Hurra, wir kapitulieren“, „haben bewiesen, wie schnell und effektiv sie Massen mobilisieren können, und der freie Westen hat gezeigt, dass er der islamischen Offensive nichts entgegenzusetzen hat – außer Angst, Feigheit und die Sorge um seine Handelsbilanz. Nun wissen die Islamisten“, so behauptet Broder, „dass sie es mit einem Papiertiger zu tun haben, dessen Gebrüll nur vom Band kommt.“

 

Esther Schapira weist den Journalisten dabei ein gehöriges Maß an Mitschuld zu. Sie hätten nicht etwa solidarisch mit ihren Kollegen in Dänemark gehandelt, sondern sich versteckt. „Die meisten Blätter“, so schreibt sie im Themenheft zur diesjährigen Woche der Brüderlichkeit, „begnügten sich mit verbalen Beschreibungen und umständlichen Erklärungen, warum sie auf den Abdruck verzichteten.“

 

Ein klarer Fall, so scheint es. Das Gebot „Redet Wahrheit“ wurde sträflich missachtet.

 

Esther Schapira und Klaus Engelhardt vertreten damit zwei Positionen, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Hier der flammende Appell zur uneingeschränkten Meinungsfreiheit, dort die defensive, selbstkritische Befragung mit dem Tenor: Müssen solche Provokationen denn überhaupt sein?

 

Beide Positionen, so denke ich, werden dem Problem nicht wirklich gerecht.

 

Die Aufregung um die dänischen Karikaturen erreichte im Februar letzten Jahres einen ersten Höhepunkt, große, wenn auch häufig inszenierte Demonstrationen fanden in allen arabischen Hauptstädten statt. Neben vielen anderen Blättern entschied sich auch der SPIEGEL, das Thema auf den Titel der nächsten Ausgabe zu setzen. Zugleich stellte sich die Frage, die so oder so ähnlich in jeder deutsche Zeitung damals beantwortet werden musste: Soll man die Karikaturen abdrucken? Die Tageszeitung „Die Welt“ hatte das gemacht und sich dabei für ihren publizistischen Mut wortreich gelobt, andere Tageszeitungen blieben in der Tat zumeist bei verbalen Beschreibungen. Aber was würde der SPIEGEL machen?

 

Nun, man entschied sich nur für eine eher harmlose Karikatur, die klein abgedruckt wurde, sowie für ein auch nicht sehr großes Faksimile der dänischen Zeitungsseite, auf der die Karikaturen erstmals vorgestellt worden waren.

 

Und das hatte seine Gründe: Mehrfach schon waren SPIEGEL-Artikel, die sich kritisch mit dem Islam oder den muslimischen Gemeinden in Deutschland befasst hatten, zum Anlass für ganz konkrete persönliche Drohungen gegen einzelne Redakteure geworden. Besonders dramatisch war der Fall unseres Ostasien-Korrespondenten, der im Jahre 2000 über die Entführung einer Touristengruppe auf der philippinischen Insel Jolo berichtet hatte und schließlich von den muslimischen Terroristen der Gruppe Abu Sayyaf selber gekidnappt wurde.

 

Einen Monat lang wurde er im Dschungel versteckt und mit dem Tode bedroht, erst nach äußerst komplizierten Verhandlungen kam der Kollege frei. Auch dieses Beispiel zeigt: Die Chefredaktion eines Magazins hat nicht nur ihrer publizistischen Verantwortung gerecht zu werden, sondern auch ihrer Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter der Redaktion.

 

Heldenhaft handeln kann nur jeder für sich, eine Magazinredaktion kann juristische Konsequenzen in Kauf nehmen, sie muss politische Pressionen ertragen und Anzeigen-Boykotte ohnehin. Aber kein Chefredakteur darf die persönliche Unversehrtheit seiner Mitarbeiter bewusst gefährden.

 

Kompromisse, im übrigen, gehören zum Alltag des Journalismus, auch wenn sich die meisten Kollegen sicher auf das Wahrheitsgebot einigen können. Der schon erwähnte Ostasien-Korrespondent hat seinen Dienstsitz in Peking. Natürlich schreibt er die Wahrheit über die kommunistische Diktatur, aber er schreibt eben auch manches einfach nicht, schon um Regimekritiker nicht zu gefährden. Sein Vorgänger ist Ende der neunziger Jahre sogar des Landes verwiesen worden, weil er zu offen über die Kritik dieser Oppositionellen an den roten Machthabern berichtet hatte.

 

Aber das alles sind eher harmlose Probleme unserer täglichen Arbeit, verglichen mit den Herausforderungen aus der islamischen Welt. Als der SPIEGEL vor einigen Jahren eine – wohlgemerkt arabische – Abbildung des Propheten Mohammed druckte, erhielt die Redaktion sofort Drohbriefe, weil angeblich gegen das im Islam geltende Bilderverbot verstoßen wurde. Seit Monaten schon hat das Magazin keinen Korrespondenten mehr nach Bagdad geschickt. Zu groß wäre die Gefahr einer Entführung durch muslimische Terroristen. Auch nach Afghanistan reist in der Regel nur eine mit dem Land besonders gut vertraute Kollegin, die sich dank guter Kontakte dort halbwegs sicher bewegen kann. Der SPIEGEL schreibt deswegen nicht die Unwahrheit über den Irak oder Halbwahrheiten über Afghanistan. Aber die dem Westen so feindlich gesonnene Kultur macht jede Annäherung doppelt schwer.

 

„Redet Wahrheit“, das erwarten ja auch die Leser von uns Journalisten – aber was tun, wenn jede Recherche lebensgefährlich ist?

 

Ich habe im vergangenen Jahr eine Reihe von SPIEGEL-Gesprächen mit führenden arabischen Akteuren des Nahost-Konflikts geführt, ich war beim palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija in Gaza, bei Staatspräsident Mahmud Abbas in Ramallah, und beim syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in Damaskus. Jedes dieser Interviews verlief in einer ausgesprochen höflichen, ja freundlichen Atmosphäre. Hanija erwies sich als großer Fußballfan, der es sehr bedauerte, dass er nicht zur WM nach Deutschland eingeladen worden war und der die Namen der deutschen Nationalspieler wahrscheinlich besser kannte als ich, Assad gab sich ganz als anglophiler Gentleman, in dessen privater Bibliothek so praktische Bücher wie ein London-Reiseführer für Familien mit kleinen Kindern zu finden sind.

 

Diese eigentlich ganz sympathischen Zeitgenossen sind nur leider von einer mörderischen Obsession befallen, sie wollen Israel zerstören und die Juden töten. Keiner von ihnen sagt das so ausdrücklich, insofern ist das Motto „Redet Wahrheit“ unter den Politikern des Nahen Ostens wohl noch weniger bekannt als bei ihren Kollegen hierzulande, aber ihr Handeln folgt dieser Obsession, sie finanzieren und organisieren den mörderischen Krieg der Terroristen von Hamas und Hisbollah gegen den Staat Israel.

 

Und im Grunde hoffen sie dabei auch auf unsere heimliche Zustimmung. Mit dem Holocaust haben sich die Deutschen bei vielen Arabern bis heute starke Sympathien eingehandelt. Der Judenhass ist letztlich der einzige politische Kitt, der die arabische Welt verbindet. Und das nicht, weil der Muslim an sich ein schlechterer Mensch ist, weil er seine Kinder weniger liebt als wir. Nein, weil die Regenten des Nahen Ostens allesamt entweder Diktatoren oder Monarchen sind, die ihre Völker bewusst indoktrinieren, verdummen und ausplündern. Mit Ausnahme des multireligiösen und sehr labilen Staates Libanon existiert in der arabischen Welt nicht eine einzige funktionierende Demokratie.

 

Als ich bei Hanija oder auch bei Assad auf dem Sofa saß, musste ich an meine Schwester und ihre Familie in Jerusalem denken. Was hätten diese Herren wohl von mir gedacht, wenn sie gewusst hätten, dass dieser deutsche Journalist aus einer zum Teil jüdischen Familie stammt und seine Schwester seit bald drei Jahrzehnten in der jüdischen Orthodoxie Israels lebt. Wie hätten sie dann mit mir geredet? Hätten Sie überhaupt mit mir geredet?

 

Mir jedenfalls ist es nicht ganz leicht gefallen, diesen Potentaten mit der obligatorischen professionellen Höflichkeit gegenüberzutreten. Wer auch immer so ein Gespräch führen will, kommt nämlich nicht umhin, manche Kröte zu schlucken. Man muss sich schier endlose Litaneien über die vermeintlichen oder wirklichen Schandtaten Israels anhören und fantastische Lobpreisungen der eigenen Friedfertigkeit. Vieles ist absurd, manches immerhin entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik. Wir Journalisten stehen am Ende nur vor der Wahl: Entweder geben wir diesen mächtigen Zeitgenossen den von ihnen gewünschten Raum zur Selbstdarstellung – oder wir verzichten darauf, verwehren damit aber unseren Lesern eine wichtige Information zur Einschätzung der Lage im Nahen Osten.

 

Wer der Aufforderung „Redet Wahrheit“ gerecht werden will, muss auch die real existierenden Lügen und Legenden dokumentieren, damit sie entlarvt und demaskiert werden können. Wer etwa ein Interview mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad führt, der bekanntlich die Existenz des Holocausts in Frage stellt, kann nie ganz ausschließen, dass Neonazis und Auschwitz-Leugner sich dessen Argumente zu eigen machen. Andererseits brauchen diese Menschen den iranischen Präsidenten nicht, sie glauben ohnehin an diesen Unfug.

 

Wer dagegen antreten will, muss an ganz anderer Stelle Überzeugungsarbeit leisten, nämlich da, wo noch nicht alles verloren ist, bei jenen Menschen also, die sich ihre Meinung noch bilden oder noch zu beeinflussen sind, junge Menschen vor allem.

 

Das beste Mittel, um die Zweifler zu überzeugen, ist sicher die Konfrontation mit den Zeugen und Zeugnissen des Holocaust. Das authentische Dokument oder der Bericht eines Überlebenden sind die stärksten Argumente, die wir haben. Wer sich nicht einmal davon berühren lässt, ist eben unbelehrbar.

 

Man kann nur hoffen, dass es auch in Zukunft in unserer Gesellschaft nur einen eher ungefährlichen Bodensatz von Ignoranz geben wird.

 

Aber man kann sich nicht darauf verlassen. „Redet Wahrheit“ heißt also nicht zuletzt: Den Menschen vom größten Verbrechen berichten, dass die Deutschen auf Erden angerichtet haben. Der Appell richtet sich in diesem Zusammenhang zunächst an die Überlebenden selbst, die oft über Jahrzehnte hinweg geschwiegen haben: Weil sie die Erinnerung an die Torturen im Lager, an den Verlust ihrer Eltern, Geschwister oder Kinder verdrängen mussten, um überhaupt wieder ein halbwegs normales Leben führen zu können.

 

Tatsächlich haben sich in den vergangenen Jahren viele Überlebende zu Wort gemeldet, viele, die nun, am Ende ihres Lebens, noch einmal die Gelegenheit nutzen wollen, um kommenden Generationen ihre Botschaft anzuvertrauen. Sie wissen, dass in wenigen Jahren niemand mehr aus erster Hand von der Vernichtung der europäischen Juden berichten kann. Um so wichtiger ist die authentische Erzählung und deren Weitergabe durch aufmerksame Zuhörer. Elie Wiesel, der Friedensnobelpreisträger und Überlebende von Auschwitz und Buchenwald, sagt dazu sehr optimistisch: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selber ein Zeuge sein.“

 

Auch meine Mutter und ihre drei Schwestern haben sich vor wenigen Jahren erst dazu durchgerungen, ihr Schweigen zu brechen und vom Schicksal ihrer Mutter Lilli Jahn zu berichten, die 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Dank ihrer Erinnerungen und Hunderter von Briefen, die sie in den Jahren ‘43 und ‘44 mit ihrer im Lager eingesperrten Mutter gewechselt hatten, ließ sich das Lebensbild meiner jüdischen Großmutter so rekonstruieren, dass es der Mit- und Nachwelt als Mahnung dienen kann.

 

Meine Mutter und ich haben in den letzten fünf Jahren mehr als hundert Lesungen aus Lilli Jahns Biographie „Mein verwundetes Herz“ gemacht sowie diverse öffentliche Gespräche mit Überlebenden des Holocaust geführt – und das alles sicher auch, um dem Auftrag des „Redet Wahrheit“ gerecht zu werden.

 

Wer das „Verwundete Herz“ liest, wird aber auch zum Zeugen eines bemerkenswerten religiösen Bekenntnisses, das ich Ihnen hier zum Abschluss vortragen möchte. Meine Großmutter Lilli berichtete am 10. November 1925 in einem Brief an ihren zukünftigen Ehemann Ernst Jahn über einen Vortrag Martin Bubers, den sie in der Kölner Freimaurerloge gehört hatte. Der jüdische Religionsphilosoph zählt heute bekanntlich zu den Leitfiguren der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, damals war er einer der führenden Intellektuellen der Weimarer Republik. Ich zitiere:

 

Von Martin Buber wollte ich Dir auch noch erzählen. Er ist ein feiner durchgeistigter Kopf, hat ein kluges Gesicht, sehr blass, scharf geschnitten, mit langem schwarzem Bart und milden, sehr klaren Augen. Er sprach über den Urgedanken der biblischen Schöpfungsgeschichte. Er ging aus von der Wissenschaft und der Unfähigkeit, Letztes und Tiefstes zu erklären und zu sezieren, führte ein feines Beispiel aus dem Talmud an: Bei der Erschaffung des Menschen sind drei Kräfte am Werk: Vater, Mutter und Gott. Und dann sprach er davon, dass man die Schöpfung nicht betrachten dürfe als etwas einmal Geschehenes, sondern als etwas Allzeitiges, etwas, das sich ewig erneuert und immer wieder vollzieht, aber stets in anderer Form. Dass kein Geschaffenes dem anderen genau gleicht, dass jede Schöpfung in ihrer Art wieder ewig, einzig ist. Und anhand von Vergleichen babylonischer und anderer alter Mythen bewies er, dass keine Schöpfungsgeschichte so umfassend und erschöpfend ist wie die des Alten Testaments, die er zum Schluss noch vorlas.

Es war für mich im Grunde nichts Neues, und doch freut es mich, einmal solche Gedanken ausgesprochen zu hören. Denn ich verehre Gott in allem Geschehen, in jeder Lebensäußerung, in katastrophalen Ereignissen wie in kleinsten Dingen, ich liebe Gott im Rauschen der Bäume und des Windes wie in der zartesten Blume, wie in allem Schönen, Hohen und Edlen. Und ich liebe Gott auch in Mephisto.

Aber wenn mein Gott hineingepresst ist in die Formen einer Religion, sei es, welche es mag, dann kann ich ihn nicht wieder finden. Für mich gibt es keinen Gott der Juden, sowenig wie einen Gott anderer Völker. Für mich gibt es nur das „Göttliche an sich“.

 

Soweit der Bericht meiner Großmutter über den Vortrag Martin Bubers. Sie hat ihn als junge Ärztin vor nun schon fast 82 Jahren geschrieben, aber ich denke, er enthält eine zeitlos gültige Botschaft für uns alle, für Christen, Juden und auch Muslime. Er enthält die Beschreibung eines Gottvertrauens, dem sich Milliarden von Menschen auf diesem Globus anschließen könnten. Sie müssten sich nur von ihren überkommenen Feindbildern lösen und ihre Mitmenschen als gleichberechtigte und gleichermaßen wertvolle Werke der göttlichen Schöpfung tolerieren – ganz im Sinne der Verse des Propheten Sacharja: „Rede einer mit dem andern Wahrheit..., schafft Frieden in euren Toren, und keiner ersinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten.“

 

Dr. Martin Doerry, Autor und Stellvetretender Chefredakteur des SPIEGEL, Hamburg

Karlsruhe, 11. März 2007

 

 

Jüdische Gemeinde Karlsruhe          Evangelische Dekanat Karlsruhe          Katholische Kirche Karlsruhe          Stadt Karlsruhe
• © 2006 Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Karlsruhe


[Sitemap]
[Impressum]
[13.10.2019 17:57]