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Grußwort von Oberbürgermeister Fenrich zur Eröffnungsveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit 2007

Sehr herzlich begrüßen möchte ich Herrn Dr. Martin Doerry, der heute die Festansprache halten wird.
Begrüßen möchte ich auch die Bundestagsabgeordneten Frau Schütz und Frau Splett, Herr Landestagsabgeordneten Stober, MdL, die Damen und Herren Stadträte Frau Geiger, Frau Fischer, Frau Ernemann, Herr Stapf, Frau Barnstedt, Direktorin beim BVG, Herrn Dr. Münchbach, Präsident OLG KA, Herrn Präsident Baschang, Präsident des LG KA, Herrn Bölle, Vizepräsident VG KA. Ganz besonders herzlich begrüßen darf ich zu dem heutigen Anlass Herrn Seldner, Vorsitzender Jüdischen Gemeinde, Herrn Rabbiner Mendelson von Chabad Lubawitsch Baden, Herrn Barth, den Geschäftsführer der IRG Baden und Herrn Landesbischof Prof. Dr. Klaus Engelhardt.
Ein ganz herzliches Dankeschön für die musikalische Umrahmung gilt dem Chor von St. Stephan unter Leitung von Herrn Patrick Fritz-Benzing.

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Redet Wahrheit!". Ein Appell, der leicht dahingesagt ist und auf den ersten Blick auch schnell Zustimmung findet, der aber einen ganzen Komplex an Fragen und Gedanken aufwirft.
Denn was ist DIE Wahrheit?
Gibt es immer nur die eine Wahrheit oder gibt es manchmal oder sogar überraschend oft auch mehrere Wahrheiten? Können mehrere Wahrheiten auch alle wahr sein, oder muss dann eine doch irgendwie falsch sein?


Gerade Religionen stehen und fallen mit ihrem Wahrheitsanspruch und sind als spirituelle, aber auch moralische und ethische Gerüste von Gesellschaften und Individuen darauf angewiesen, als wahr und verbindlich angenommen zu werden.
Ein absoluter Wahrheitsanspruch steht aber in einem gewissen Spannungsverhältnis zum gesellschaftlichen Erfordernis, anderen Religionen auf gleicher Augenhöhe zu begegnen und friedlich zu koexistieren. Kann es einen interreligiösen Dialog, ein interreligiöses Miteinander geben unter den Prämissen von "Meiner Wahrheit" und "Deiner Wahrheit"?

Ein wichtiges und großes Feld, über das schon viel nachgedacht und geschrieben wurde und noch viel nachzudenken und vor allem zu leben sein wird. Einen möglichen und für mich schlüssigen Erklärungs- und Lösungsansatz dazu hat Lessing in seiner Ring-Parabel gegeben.

Aber für mindestens zwei andere Berufsgruppen außer für Theologen ist die Frage nach der Wahrheit ebenfalls essentiell: Für die Politiker und für die Journalisten.

Zur journalistischen Dimension des Problems Wahrheit wird uns im Anschluss an meinen Beitrag der Festredner des heutigen Abends Herr Dr. Martin Doerry einige Gedanken sagen.
Als erfolgreicher und renommierter Journalist und Buchautor und vor allem als stellvertretender Chefredakteur des "Spiegels" ist er für diese Themenstellung geradezu prädestiniert. Herr Dr. Doerry, herzlich willkommen in Karlsruhe.
Karlsruhe ist Ihnen als Stadt keineswegs unbekannt, haben Sie hier doch als junger Redakteur beim SDR gearbeitet und auch einige biografische Bezüge nach Karlsruhe und ins Umland.
Ihr berührendes Buch "Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilly Jahn 1900 bis 1944" behandelt Leben und Ende einer mit einem sogenannten Arier verheirateten Jüdin aus Kassel und hat ebenfalls Bezüge nach Karlsruhe. Eine Lesung aus diesem Buch wurde im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit bereits heute Nachmittag vom und im Jakobustheater angeboten und wird am kommenden Samstag wiederholt werden.

Als Oberbürgermeister dieser Stadt und als Politiker ist es aber eher angebracht, dass ich mich dem Thema Wahrheit nicht religiös-philosophisch und nicht journalistisch nähere, sondern politisch.
Politik und Wahrheit werden von der Öffentlichkeit nicht immer als siamesisches Zwillingspaar angesehen werden. An dieser so pauschal absolut falschen Einschätzung sind die Parteipolitiker und ist der Politikbetrieb als Ganzes sicher nicht ganz unschuldig.
Mit seinen komplexen Regeln und Strukturen, den vielfältigen Beziehungsgeflechten, den Gesetzen des Wahlkampfes und der Medienpräsenz, den von außen kaum einsehbaren Ausschüssen und Parteigremien, den PR-Strategen und den sogenannten Sachzwängen ist das politische Leben nicht leicht zu durchschauen und eignet sich deshalb für diffuses Misstrauen gegen "die da oben".
Dies ist bequem, erfordert kein eigenes Engagement und kein konstruktives Begleiten. Eine Demokratie lebt aber vom mündigen und engagierten Bürger. Und wer das deutsche politische System nicht ablehnend betrachtet, kann objektiv der Politik und den Politikern sicher weder die Rechtschaffenheit noch den Wahrheitswillen absprechen.
Ich möchte meine heutige Rede zum Thema Wahrheit ausdrücklich dazu nutzen, um für die Politik um Vertrauen zu werben und um zur Beteiligung am politischen Geschehen aufzufordern. Denn was mit einer Republik ohne Republikaner und in direkter Folge mit einem ganzen Volk geschieht, das hat uns Weimar warnend vorgemacht.

Die komplexen politischen Strukturen und die komplexen Antworten der Politik auf die aktuellen Fragen und Probleme sind kein Selbstzweck. Sie sind Abbild einer immer komplexeren und vernetzteren Gesellschaft in der Kommune, auf Bundes-Ebene und weltweit.
Im Zeitalter der Globalisierung von Wirtschaft und Ideen, von weltweiter Migration und weltumspannender Kommunikation ist auch bei der Bewältigung kommunaler Aufgaben immer der Blick aufs Ganze nötig. Das friedliche Neben- und im besten Fall Miteinander verschiedener Kulturen und Religionen wird sowohl lokal als auch international existenziell.
Gerade im Dialog der Kulturen und Religionen ist es erforderlich, diesen mit spürbarem Respekt und Wahrhaftigkeit zu führen. Denn nur dies schafft das Vertrauen, das notwendig ist, um auch kontroverse Anschauungen und Überzeugungen offen ausdiskutieren zu können.
Das klare Betonen der eigenen wesentlichen Standpunkte - bei aller gebotenen Toleranz selbstverständlich und im brüderlichen Geiste - ist kein unfreundlicher Akt und keine Aufkündigung des Dialogs. Es ist ein Zeichen von echtem Respekt und die Voraussetzung für eine wirkliche Begegnung auf gleicher Augenhöhe. Und auch diese Ehrlichkeit und Prinzipientreue ist wohl gemeint bei dem Appell "Redet Wahrheit!".

Schließen möchte ich meine Rede mit einer Anekdote über das Wesen der Brüderlichkeit, die der jüdische Vorsitzende des Deutschen Koordinierungsrates, der emeritierte Landesrabbiner Dr. Henry G. Brandt, überliefert hat:

Die Ruhe der Nacht schwebte noch über der Landschaft. Im Osten sah man bereits einen kleinen Silberstreifen.
Der Rabbi und seine Schüler hatten die ganze Nacht studiert und warteten nun auf den Tagesanbruch, um das Morgengebet und das "Höre Israel" zu rezitieren.
Inzwischen brach unter den Schülern des Rabbi eine Diskussion auf, wann es genügend Licht wäre, um zu sagen, der Tag sei angebrochen.
Einer der Schüler sagte: "Wenn man den Baum jenseits des Flusses erkennen kann."
Da schüttelte der Rabbi seinen Kopf.
Der Andere sagte: "Wenn man die Kühe auf dem Feld klar voneinander unterscheiden kann".
Der Rabbi schüttelte wieder seinen Kopf und so ging es weiter.
Am Ende sagten die Schüler fast verzweifelt, "Rabbi, was ist die Antwort?"
Er antwortete: "Wenn ihr im Gesicht des Anderen euren Bruder erkennt, dann ist genügend Licht."

Dass besagter Silberstreif immer heller wird und die Menschen sich immer mehr als Brüder erkennen und auch als solche begegnen, ist seit der Gründung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vor mehr als fünfzig Jahren deren Anliegen, dem vor allem auch die Woche der Brüderlichkeit dienen soll.

Ich wünsche der Woche der Brüderlichkeit ein reges Interesse der Öffentlichkeit an den vielfältigen Veranstaltungen und viele Begegnungen mit dem Judentum und mit Menschen jüdischen Glaubens.

Heinz Fenrich, Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe

Karlsruhe, 11. März 2007

 

 

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