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Grußwort von Oberbürgermeister Fenrich zur Eröffnungsveranstaltung der Woche der Brüderlichkeit 2006

Sehr geehrte Damen und Herren,

auch in diesem Jahr habe ich die Ehre, die Woche der Brüderlichkeit zu eröffnen. Dies tue ich gerne, liegt mir doch der christlich-jüdische Dialog am Herzen.

In Abweichung zu einem Teil der gedruckten Einladungen und Plakate wird danach nicht Jochen Gerz den Festvortrag halten. Aufgrund einer unaufschiebbaren Operation musste dieser bekannte Künstler uns leider recht kurzfristig absagen. Herr Gerz, der bei Paris lebt und hier in Karlsruhe ja vor allem durch seinen „Platz der Grundrechte“ bekannt ist, ist für alle Interessierten aber zumindest bei einer Podiumsdiskussion zu diesem Projekt am 1. April im Badischen Kunstverein zu erleben. Wir wünschen Herrn Gerz von hier aus alles Gute für seine Operation!

Um so dankbarer ist die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, dass Herr Landesbischof a.D. Prof. Dr. Dr. Klaus Engelhardt sich auf deren dringliche Bitte hin ganz kurzfristig überreden ließ, für Herrn Gerz einzuspringen. Herzlicher Dank dafür, lieber Herr Engelhardt. Ich bin mir sicher, dass sich alle Anwesenden auf Ihren interessanten und gewichtigen Festvortrag freuen.

Herr Prof. Dr. Dr. Engelhardt hat sich bereits am Themenheft 2006 des „Deutschen Koordinierungsrates“ mit einem hochinteressanten und sehr lesenswerten Beitrag zur Bedeutung Dietrich Bonhoeffers für unser heutiges Leben beteiligt. Dieses auch ansonsten sehr beachtenswerte Themenheft können Sie übrigens im Anschluss an die Feierstunde käuflich erwerben.

Heute Abend wird uns Herr Engelhardt nun noch mehr über Dietrich Bonhoeffer berichten, dem in diesem Jahr anlässlich seines 100-jährigen Geburtstages ja zurecht vielerorts gedacht wird.

Gerade dem diesjährigen Thema der Woche der Brüderlichkeit, nämlich dem Appell „Gesicht zeigen!“ ist die Beschäftigung mit der Biographie und der Glaubens- und Gedankenwelt Dietrich Bonhoeffers natürlich ganz besonders angemessen. Denn viel zu wenige haben - so wie er - Gesicht gezeigt in einer Ära tiefster deutscher Schande. Die meisten haben weggeschaut, sind mitgelaufen. Aufrechte wie er haben mit ihrem Mut auch die Basis gelegt für ein moralisches Wiederauferstehen Deutschlands nach dem Krieg.

Am Beispiel Dietrich Bonhoeffers lässt sich gut aufzeigen, aus welcher Charakterstärke, welchem Mut und welchem ethischen Fundament ein geistiges Rückgrat entstehen kann und was einen Menschen dazu befähigt, auch die Konsequenzen seines Gesicht-Zeigens zu tragen.

Und nicht zuletzt ist das Andenken an Dietrich Bonhoeffer gerade auch hier im Albert-Schweitzer-Saal besonders zu Hause. Hier im Innenhof hat die Bonhoeffer-Büste des berühmten Bildhauers Alfred Hrdlicka eine Heimat gefunden. Wenn Sie nach links schauen, können Sie sie sehen.

Nun leben wir heute Gott sei Dank zumindest in Mitteleuropa in einer Situation, in der das Zeigen seines Gesichts nicht ganz so überlebensnotwendig, vor allem aber auch nicht so überlebensgefährdend ist, wie es das zu Zeiten Dietrich Bonhoeffers war und heutzutage in anderen Gegenden unserer Welt leider immer noch ist.

Aber dennoch gehört Zivilcourage auch hier und heute zu den wichtigen und unabdingbaren Tugenden. Sie ist unverzichtbar für eine demokratisch verfasste, plurale und alle Menschen und Anschauungen gleich achtende Gesellschaft und kann maßgeblich dazu beitragen, sie krisenfest zu machen. Vor allem aber ist Zivilcourage die wichtigste Voraussetzung, um sich im Alltag Verletzungen dieser Prinzipien entgegen zu stellen und bei Übergriffen einzuschreiten.

„Gesicht zeigen“ gegen Ungerechtigkeiten, gegen jede offene oder verdeckte Diskriminierung von Minderheiten und Schwächeren, gegen Angst und Gewalt, gegen Vandalismus und die mutwillige Zerstörung fremden oder öffentlichen Eigentums, gegen dumpfe Stammtischparolen, Ignoranz und Wegseh-Mentalität – dies ist und bleibt wichtig. Dieser tagtäglich notwendige kleine Heldenmut, der dafür erforderlich ist, wird oft geleistet – oft aber auch nicht. Dies hat manchmal gravierende Folgen für Leib und Leben, immer aber für das Vertrauen des Opfers in seine Mitmenschen und damit auch für den Zustand unserer Gesellschaft.

Zivilcourage lässt sich nicht verordnen, Mut kaum trainieren, Anteilnahme und Sich-in-Andere-hineinversetzen-Können nicht einfach lernen. Aber wir als Gesellschaft können Rahmenbedingungen schaffen und damit das Individuum so stärken, dass es eher „Gesicht zeigen“ kann. Dazu gehören zum einen die Vermittlung und das glaubhafte Vorleben von Werten, gleich aus welcher religiösen oder ethischen Quelle sie entspringen. Dazu gehören die Erziehung zu Mündigkeit und Selbstverantwortung und die Ermutigung zur Entfaltung der Persönlichkeit. Dazu gehören politische und geschichtliche Bildung, die Arbeit von Gedenkstätten und Zeitzeugen. Dazu gehören auch erhöhte Rechtssicherheit und Unterstützung im Schadensfall bei tätig geleisteter Hilfe. Dazu gehört eine Kultur der Anerkennung von Zivilcourage, die auch heute vorbildhaftes Verhalten öffentlich benennt und ehrt und damit positive Zeichen setzt.

Alle Institutionen und jeder einzelne Bürger sind hier immer wieder gefordert.

Der Förderung von Zivilcourage und dem Kampf gegen Diskriminierung widmet sich in anerkennenswerter Weise der in Berlin ansässige Verein „Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland e.V.“, der dafür in diesem Jahr auch mit der Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates ausgezeichnet wird – gemeinsam mit dem niederländischen Schriftsteller und Publizisten Leon de Winter [Infos: literaturfestival.com, wikipedia.org].

Gesicht zeigen sollte, wie gesagt, jeder an seinem Platz und zu jeder Zeit. Ich sage deshalb hier und heute als Oberbürgermeister dieser Stadt klar und deutlich:

Im Andenken an Millionen im deutschen Namen ermordeter Juden und im Andenken an Gewissenszeugen wie Dietrich Bonhoeffer verwahren wir uns auf das schärfste gegen Leugnung und Verharmlosung des Holocausts, sei es durch den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, sei es durch den unsäglichen, aber nun zumindest in Mannheim vor Gericht stehenden unverbesserlichen Alt-Nazi Zündel. Wir verwahren uns auf das Schärfste gegen die immer wieder unternommenen Versuche von Neonazis, Karlsruhe zum Aufmarschplatz ihrer widerwärtigen Aktionen zu machen.

Der Karlsruher Gemeinderat hat dies mit seinem Aufruf vom 24. Januar diesen Jahres noch einmal bekräftigt - ich zitiere:

„Die Stadt Karlsruhe unterstützt alle Initiativen, die sich für Toleranz, Liberalität und Offenheit einsetzen. Sie weiß sich einig mit allen Kräften des gesellschaftlichen Lebens, die rechtsextremistisches Gedankengut ablehnen. Wir unterstützen alle friedlichen Aktivitäten, die sich dagegen richten, dass unsere Stadt, auch bekannt als Residenz des Rechts, zum Aufmarschgebiet rassistischer Hetze wird. Und die dazu beitragen, den Willen der Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt zum Ausdruck zu bringen: In Karlsruhe sind Rassisten, sind Neonazis unerwünscht."

Karlsruhe wehrt den Anfängen, Karlsruhe zeigt Gesicht – und Karlsruhe wird jeden unterstützen, der Gesicht zeigt und Zivilcourage lebt!

Und ich bin mir sicher: auf Sie hier im Saale können wir dabei zählen. Dafür danke ich Ihnen.

Heinz Fenrich, Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe

Karlsruhe, 5. März 2006

Artikel zur Veranstaltung aus der STADTZEITUNG vom 10.3.2006 (mit Bild)

 

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