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Eröffnungfeier der Woche der Brüderlichkeit 2012 in Karlsruhe

Festansprache

Dr. h.c. Erwin Teufel, Ministerpräsident a.D.
11.03.2012 - 19:30 Uhr, Rathaus am Marktplatz, Bürgersaal, Karlsruhe

I.

Die „Woche der Brüderlichkeit“ besteht nun schon seit 60 Jahren. Sie wurde von Persönlichkeiten und Gesprächsgruppen der christlich-jüdischen Zusammenarbeit 1952 gegründet.

Das Jahr 1952 lag noch nahe am Völkermord des nationalsozialistischen Deutschlands an Juden und Sintis und Romas und anderen Minderheiten. Es lag noch nahe an der Vertreibung und Umsiedlung ganzer Volksgruppen durch die Sowjetunion und Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg und danach.

Umso höher ist der Weitblick und die Einsicht von Menschen zu werten, die zu dem Gründungsgesprächskreis von Juden und Christen und zu den Begründern der „Woche der Brüderlichkeit“ gehören. Ich möchte den Lebenden und Verstorbenen dieser Gründergeneration Dank und Anerkennung sagen. Und ich danke herzlich den Persönlichkeiten, die in vielen Städten Baden-Württembergs und Deutschlands diese Aufgabe weitergeführt haben und bis heute tragen. Ihnen allen danke ich dafür, dass Sie sich heute Abend in Karlsruhe in diesem Geiste des Gedenkens an die Opfer; und im Geiste der Versöhnung und Zusammenarbeit versammelt haben.
Ein gutes jüdisches Wort lautet: „Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung“.

II.

Was lehrt uns unsere Geschichte?
Sie lehrt uns, dass die Menschen zu allem fähig sind: Zu größter persönlicher Leistung und Opfern für ihre Mitmenschen einerseits und zu gemeinsten Verbrechen an den Mitmenschen andererseits. Vor 25 Jahren habe ich hier in Karlsruhe den Traugott-Bender-Preis an den Gründer des Christlichen Jugenddorfwerks nach dem zweiten Weltkrieg, Pfarrer Alfred Dannenmann, überreicht. Aus der Dankrede von Pfarrer Dannenmann habe ich noch heute den Satz in Erinnerung: „Der Mensch ist nicht gut und der Mensch ist nicht böse. Jeder Mensch ist gut und böse“.

Wenn wir ehrlich sind, müssen wir sagen:
Wir haben alle ein Leben lang zu tun, die guten Eigenschaften in uns zu stärken und die bösen Eigenschaften zurückzudrängen. Mitmenschlichkeit, Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit sind beste menschliche Tugenden und Haltungen. Deshalb sind Menschen und Gemeinschaften von Menschen, die sich dem Gespräch stellen, die dialogbereit und offen sind, die Menschen mit anderer Meinung und anderem Glauben achten, die zuhören können und sich in den Gesprächspartner hineindenken, von großer Bedeutung für eine offene Gesellschaft, für Frieden und Freiheit, für ein menschenwürdiges Zusammenleben und für ein gutes Miteinander.

Wir können heute nicht Widerstand nachholen, aber wir können uns heute einsetzen für Mitmenschlichkeit und für eine bessere Welt. Und wir müssen mit Entschiedenheit kämpfen gegen jede Form von Rechtsradikalismus, Antisemitismus, Unmenschlichkeit, Gewalt, Nationalismus und Ideologie.

Wir brauchen Idealismus, aber auch Realismus.

Idealismus, weil wir an das Gute im Menschen glauben. Realismus, weil wir den geschichtlichen Tatsachen ins Auge sehen müssen.

Wir müssen aus der Geschichte lernen, wie es die Gründer der christlich-jüdischen Zusammenarbeit und der „Woche der Brüderlichkeit“ getan haben, und wie es die Gründergeneration der europäischen Einigung nach 1945 getan hat.

III.

Meine Erfahrung aus Geschichte und Gegenwart ist: Der Mensch ist zu allem fähig.
Der Mensch ist zum Höchsten fähig: Zu Glanzleistungen des Geistes in der Wissenschaft, in der Medizin, in der Literatur, in der Musik, in der Kunst, in einer Wirtschaft, die dem Menschen dient, zu bahnbrechenden Erfindungen, zum Frieden nach Streit und Krieg. Der Mensch ist zu mitmenschlichem Verhalten motiviert, fähig zu Vertrauen und Freundschaft, zur Hilfe in der Not, zu uneigennützigem Verhalten, zur Aufopferung des eigenen Lebens, zur Nächstenliebe, zur Anerkennung der Freiheit und der Gleichheit und Menschenwürde aller Menschen, zum friedlichen Zusammenleben unter Beteiligung aller, zur Suche nach der Wahrheit, nach dem Guten, ja selbst zur Erkenntnis eines Absoluten, zur Gotteserkenntnis.

IV.

Der Mensch ist zu allem fähig: Zur größten Unmenschlichkeit und Barbarei, zum Verrat und Betrug, zum Menschenschinden, zur Folter, zum Terror, zum Mord, zum Völkermord, ja selbst zum Verbrechen mit gutem Gewissen.

Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die ersten Konzentrationslager eingerichtet, in denen Bürger unseres Landes ohne jedes rechtsstaatliche Verfahren ihrer Freiheit und Menschenwürde beraubt wurden.

Wenige Monate nach der Machtergreifung wurden die ersten Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Psychiatrischen Landeskrankenhäusern abgeholt und ermordet, als so genanntes lebensunwertes Leben vernichtet.

Im September 1939 hat das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen, in dessen Folge über 50 Millionen Menschen einen gewaltsamen, vorzeitigen Tod gestorben sind.

Wenige Tage nach Einmarsch der deutschen Truppen in Polen „rückten Einsatzgruppen der SS nach, die massenweise Juden und Angehörige der polnischen Intelligenz, Pfarrer, Lehrer, Rechtsanwälte, Ärzte und Gutsbesitzer exekutierten“ (Heinrich August Winkler). Was dort begann, setzte sich in den Vernichtungslagern von Dachau bis Auschwitz fort.

Stalin und Mao stehen als Namen für die Verbrechen für Gulag's, für Mord und Völkermord der Kommunisten weltweit.

Alexander Solschenizyn sagte in einer Rede nach seinem Gang ins Exil, dass ihm eine russische Bäuerin nach der Oktoberrevolution und ihren Folgen in Russland 1917 gesagt habe: „Die Menschen haben Gott vergessen, daher kommt dies alles“. Er fuhr fort, dass er Jahrzehnte seines Lebens über die kommunistische Oktoberrevolution geforscht und viele Bände geschrieben habe. Wenn er alles zusammenfassen müsste, käme er auf den Satz dieser russischen Bäuerin zurück: „Die Menschen haben Gott vergessen, daher kommt dies alles“.

Spätestens die Erfahrungen der totalitären Ideologien und Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben uns gezeigt, dass alles möglich ist. Kulturelle Werte, Zivilisationen reichen nicht aus als Sicherungsmaßnahme.
Religionen, die seit Jahrhunderten Völker prägten, reichen nicht aus, um Menschen von Kriegen und Religionskriegen, von Terror und Gewalt abzuhalten.

V.

Welche Folgerungen ziehen wir aus diesen Erfahrungen?

Wir müssen Dämme errichten gegen Unmenschlichkeit und Barbarei, gegen Ideologie und Totalitarismus. Wir müssen es tun trotz der Erfahrung, dass Dämme überflutet, umgangen und unterspült werden können.

Wir müssen Dämme errichten gegen die Unmenschlichkeit in uns, und gegen die Unmenschlichkeit in unserer Gesellschaft und weltweit.

Wir brauchen als Menschen eine Orientierung. Orientierungswissen ist so wichtig wie Sachwissen. Orientierungswissen vermitteln seit ihrem Beginn in der Antike die Philosophie und die Ethik und die Religionen.

Es geht in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft nicht ohne Spezialisierung. Durch Wissen, die Anwendung von Wissen, durch Arbeitsteilung und Spezialisierung hat der Mensch Höchstleistungen zustande gebracht. Aber die Spezialisierung muss ergänzt werden durch ein Verstehen des Ganzen.

Wir brauchen ein „Gewissen für das Ganze“ (Eduard Spranger). Es geht nicht ohne Kompetenz. Aber es geht auch nicht ohne Charakter. Bildung ist mehr als Wissen, Erziehung und Menschenbildung ist so wichtig wie Ausbildung und Weiterbildung. Wir müssen uns Ziele setzen und dann auf den Weg machen und dürfen nicht glauben, der Weg sei das Ziel. Wir brauchen Hochleistungen in der Naturwissenschaft und in der Forschung und Entwicklung, aber auch Hochleistungen in den Geisteswissenschaften. Das Gute im Menschen muss sich orientieren können an der Wahrheit und an dem, was für die Menschen gut ist.


VI.

Die größte kulturelle Errungenschaft ist der Rechtsstaat. Er ermöglicht und schützt die Freiheit und die Rechte des Menschen. Er ermöglicht den Menschen Partizipation bei der Gestaltung der öffentlichen Dinge und der Gemeinschaft und erlaubt ihnen die "Einmischung in ihre eigenen Angelegenheiten" (Max Frisch). Er setzt die Rahmen für die Freiheit der Wissenschaft, der Kunst, der Kultur und der Presse. Er setzt nicht nur den Rahmen für staatliches, sondern auch für wirtschaftliches Handeln. Er bringt horizontale und vertikale Teilung und Kontrolle der Macht. Der Rechtsstaat zwingt alle Träger öffentlicher Macht zur unbedingten Anerkennung des Rechts und zur Anerkennung von Menschenwürde und Menschenrechten, die dem Staat vorgegeben sind und nicht von seiner Gunst abhängen. Der Rechtsstaat schützt Minderheiten. Wir brauchen die Anerkennung der Prinzipien des Rechtsstaats auf der Basis der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen weltweit.

VII.

Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Freiheit ist Gewissensfreiheit, Geistesfreiheit, und Handlungsfreiheit. Als Religionsfreiheit und politische Freiheit, als Redefreiheit und Versammlungsfreiheit, als Gestaltungsfreiheit und Berufsfreiheit, als Freiheit der Kunst und Wissenschaft.

Es gibt aber Freiheit nicht ohne Bindung an das Recht und an das Sittengesetz und die Rechte der Mitmenschen. Es gibt Freiheit nicht ohne Verantwortung. „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“ sagt das Grundgesetz. So sehe ich auch Freiheit und Verantwortung.

Wem der Glaube an Gott geschenkt ist, sieht sich in einer letzten Bindung und Verantwortung. Da die Religionsfreiheit der rechtsstaatlichen Verfassung nicht nur eine Freiheit zur Religion, sondern auch eine Freiheit von der Religion beinhaltet, brauchen wir in einer pluralistischen Gesellschaft wenige allgemeinverbindliche Werte, die von allen anerkannt werden, damit Menschen menschenwürdig zusammenleben können. Dazu gehören vor allem die genannten Grund- und Menschenrechte, aber auch Friedensliebe und mitmenschliches Verhalten, der Schutz des Lebens, Hilfe für die Armen und Schwachen im eigenen Land und weltweit, den Einsatz der eigenen Begabungen und Talente für die Gemeinschaft und für das Gemeinwohl.
Mensch sein heißt Mitmensch sein. '“In Verantwortung für die anderen“, wie das Motto der diesjährigen „Woche der Brüderlichkeit“ heißt.

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