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Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht 2008

„Das alltägliche Unrecht. Die Akteure nationalsozialistischer Herrschaft in unserer Erinnerung“

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Das alltägliche Unrecht
Die Akteure nationalsozialistischer Herrschaft in unserer Erinnerung

 

I.


Zur Erfahrung einer Generation — es sind die heute über 50-Jährigen, die in den letzten Jahren des Dritten Reiches und danach geboren sind — gehört es, dass ihre Eltern das Gespräch über ein Thema verweigerten: den Nationalsozialismus. Nicht, dass sie alle Täter (im kriminellen oder moralischen Sinne) gewesen wären. Davon kann keine Rede sein. Die meisten Väter waren im Krieg gewesen, ganz egal, ob sie Nazis waren oder nicht. Auch Witwen von Widerstandskämpfern haben geschwiegen und es den Kindern und Enkeln überlassen, Wege aus dem Schweigen zu suchen, durch Faktenstudium, durch Psychotherapie, durch Reflexion oder auch durch anhaltende Verweigerung. Die Mütter waren von den unendlichen Sorgen des Alltags der Kriegs- und der Nachkriegszeit absorbiert, und sie behaupteten, auch wenn ihnen bei den Reden des „Führers“ oder bei seinem Anblick gar Schauer der Ehrfurcht, der Hingabe, der Ergriffenheit über den Rücken gelaufen waren, vor 1945 wie nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reichs, an Politik seien sie nicht interessiert gewesen und auch weiterhin nicht interessiert, das sei ja schließlich Sache der Männer.

Und diese waren entweder in der inneren Emigration gewesen, hatten Hitler und die Nazis schon immer abgelehnt und verachtet, waren insgeheim auf der Seite des Widerstands engagiert und hatten das Ende des nationalsozialistischen Regimes lange herbeigesehnt. Das berührte ihre Überzeugung nicht, dass man dem Vaterland bis zum Äußersten dienen müsse, auch wenn Verbrecher an der Regierung waren. Und deshalb hatten sie zur Verteidigung des NS-Regimes bis zuletzt ihre patriotische Pflicht getan.

Die Täter, diejenigen also, die sich durch kriminelle Handlungen im Namen nationalsozialistischer Ideologie und Herrschaft schuldig gemacht hatten, sahen sich am wenigsten veranlasst, über ihr Tun im Dritten Reich zu re-den. Wenn sie sich nicht durch Flucht der Verantwortung entziehen konnten, so trachteten sie danach, verborgen zu bleiben, versteckten sich, wechselten die Identität oder hofften dank des geringen Verfolgungseifers der Justiz - die damit nur das mangelnde Interesse der Gesellschaft an der Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen spiegelte — unerkannt und unbehelligt zu bleiben.

Auch die anderen, die an den Nationalsozialismus geglaubt hatten - als Parteigenossen aus Überzeugung, aus Opportunismus, aus Feigheit - und die das Regime aktiv unterstützt hatten, schwiegen ab 1945. Sie machten sich und andere glauben, ihr Idealismus, der sie zu Hitler geführt habe, sei missbraucht worden, sie hätten immer nur das Gute gewollt, von den Verbrechen des Regimes nie etwas gewusst, und sie fühlten sich betrogen. Damit gab es nur noch Opfer.

Zur Beruhigung der Zeitgenossen, die alle die Prozedur der Entnazifizierung über sich ergehen lassen mussten und dies oft als Unrecht empfanden, weil sie ja nur „Mitläufer“ gewesen waren, hielten die Besatzungsmächte Gericht über einige prominente Täter und verurteilten sie — quasi auch stellvertretend — als Funktionäre des Unrechtsregimes. Das traf etwa den badischen Gauleiter und Chef der Zivilverwaltung im Elsaß, Robert Wagner, im Mai 1946. Er hatte sich nach Kriegsende versteckt, wurde von amerikanischer Militärpolizei entdeckt und verhaftet und an Frankreich ausgeliefert. Das Todesurteil des französischen Militärgerichts ahndete sein Regime im Elsaß, nicht seine Untaten in der badischen Heimat wie den Mord an Staatsrat Ludwig Marum im KZ Kislau oder die Deportation der Juden aus Baden.

Gegen Robert Wagner wurde mehr als vier Jahre nach seiner Hinrichtung noch ein posthumes Entnazifizierungsverfahren vor der zentralen Spruchkammer für Nordbaden geführt, das ihn als Hauptschuldigen einstufte und das Vermögen einzog. Andere wie die beiden Karlsruher Oberbürgermeister der NS-Zeit hatten typische Nachkriegsschicksale. Friedrich Jäger wurde von der Spruchkammer (der Entnazifizierungsinstanz) als Naziaktivist eingestuft und erhielt das Prädikat „Belasteter“, sein Nachfolger Oskar Hüssy ging nach dreijähriger Internierungshaft als „Mitläufer“ in die Nachkriegszeit. Auch der Chef der Gestapo in Karlsruhe von 1934 bis 1937 Karl Berckmüller kam glimpflich davon. Er entkam 1948 aus dem Internierungslager, wurde 1950 gefasst, zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt, die aber durch die Internierung als verbüßt galten. Von weiteren Täterschicksalen wird später noch die Rede sein.

Für die Mehrheit war mit den Verurteilungen prominenter Täter, zu denen der in Karlsruhe geborene Hans Frank (der Generalgouverneur in Polen) gehörte, der Gerechtigkeit Genüge getan. Dass Frank im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess verurteilt und hingerichtet wurde, war nachvollziehbar und erschien gerecht — die bürokratischen und justizförmigen Prozeduren der Spruchkammern, die die Entnazifizierung vollzogen, waren dagegen schwerer zu verstehen und ließen vielfältiges Unbehagen zurück. Die kollektive Reaktion des Schweigens über Taten und Täter wurden durch die großen Prozesse im Grunde nur begünstigt. Man wollte nach der großen Publizität, die verordnet war, dann nichts mehr hören von NS-Tätern, wollte den Schlussstrich, wollte sich nicht mehr schämen müssen und verstand den Wiederaufbau — praktisch und symbolisch — als Sühneleistung.

II.


Betrachten wir ein Feld, das Unrecht unter nationalsozialistischer Herrschaft als Form kultureller Erinnerung thematisiert. Wie erfolgte die „Bewältigung der Vergangenheit“ — so die zeitgenössische Umschreibung — in der schönen Literatur, im Theater, im Film? Und wie ist sie ins öffentliche Bewusstsein eingegangen?

In Heinrich Bölls frühem Roman „Wo warst du, Adam?” (1951 erstmals publiziert) gibt es ein KZ. Es hat keinen Namen, es liegt einsam auf einer Wiese bei einem Wald, es hat ein großes Tor „das aus Balken und Stacheldraht bestand. Neben dem Tor waren ein schwarz-weiß-rotes Schilderhaus und ein großer Wachturm, auf dem ein Mann mit Stahlhelm an einem MG stand“.

Das Lager hat nur die literarische Funktion, einer grotesken Szene den Handlungsort zu geben, es ist mit wenigen Stereotypen charakterisiert: Tor, Wachtürme, Baracken, ein Krematorium, das dicken schwarzen Qualm freigibt.

Kommandant ist SS-Obersturmführer Filskeit, im Zivilberuf einst Bankbeamter, davor Musikstudent, mit einer Obsession für Chorgesang, die er als Dirigent eines Männergesangvereins und des Kirchenchors im Rheinland auslebte. Ab 1933 war er hauptamtlich in Diensten von Parteigliederungen tätig. Der KZ-Kommandant Filskeit blieb fanatischer Musikliebhaber: „Er hatte bald entdeckt, welche ungeheure musikalische Kapazität in den Häftlingen steckte: Das überraschte ihn bei Juden, und er wandte das Auswahlprinzip in der Weise an, dass er jeden Neuankömmling zum Vorsingen bestellte und seine gesangliche Leistung auf der Karteikarte mit Noten versah, die zwischen null und zehn lagen. Null bekamen nur wenige – sie kamen sofort in den Lagerchor, und wer zehn hatte, hatte wenig Aussicht, länger als zwei Tage am Leben zu bleiben. Wenn er Transporte abstellen musste, wählte er die Häftlinge so aus, dass er immer einen Stamm an guten Sängern und Sängerinnen behielt und sein Chor immer vollzählig blieb. Auf diesen Chor, den er selbst mit einer Strenge leitete, die noch aus der Zeit des MGV Concordia stammte, auf diesen Chor war er stolz. Er hätte mit diesem Chor jede Konkurrenz bezwungen, aber leider blieben die einzigen Zuhörer die sterbenden Häftlinge und die Wachmannschaften“.

Die Szene, in der Böll das Konzentrationslager literarisch verarbeitet, beginnt mit der Ankunft ungarischer Juden im bereits fast vollständig evakuierten Lager. 61 Männer, Frauen, Kinder und sechs Leichen werden aus einem grünen Möbelwagen ausgeladen. Sie erfahren durch Lautsprecher, dass sie in einem Durchgangslager angekommen sind, registriert werden, dann vor dem Lagerkommandanten einer persönlichen Prüfung unterzogen, später gebadet und entlaust werden und heißen Kaffee bekommen sollen. Das ist noch einigermaßen wirklichkeitsnah. Dann wird das Bild absurd. Ilona, 23 Jahre alt, von denen sie eines in einem Kloster verbrachte, das sie wieder verließ, um Lehrerin zu werden (Deutsch und Musik waren ihre Fächer und – natürlich – leitete sie einen Kinderchor). Im KZ steht Ilona als erste vor dem musikliebenden SS-Obersturmführer. Er fordert sie auf zu singen. Und sie singt die Allerheiligen-Litanei aus der katholischen Liturgie, so schön und vollendet, dass alles. ringsum erstarrt und atemlos lauscht.

Der Kommandant (sein „Leben war in tödlicher Keuschheit verlaufen") erlebt zugleich und zum ersten Mal das Geheimnis des Eros beim Anblick der singenden schönen Frau. „Schönheit und Größe und rassische Vollendung, verbunden mit etwas, das ihn vollkommen lähmte: Glauben" – Filskeit, der nicht töten kann und will, der Untertan des SS-Imperiums, dem Befehl und Gehorsam die wichtigsten Kategorien der Lebensordnung sind, verliert den Verstand, greift zur Pistole, schießt Ilona zusammen, zerstört den Zauber und gibt den Befehl, alle Häftlinge zu ermorden, auch seinen Chor. „Draußen fing die Metzelei an“! Damit endet die Szene, die dem Leser das KZ als absurden Ort, als Kulisse privater Obsession, die in Raserei endet, vorführt. Die Lebenswelt des Konzentrationslagers ist reduziert auf das Zusammentreffen des Unmenschen mit der Inkarnation des Schönen und Guten in Gestalt der begehrenswerten jungen Frau Ilona, und es endet in deren persönlicher Katastrophe vor dem Hintergrund eines Massakers.

Die größte Wirkung, 1958 als Buch erschienen, dann als Hörspiel mehrfach dramatisiert, schließlich (1963) als DEFA-Film hatte der Roman „Nackt unter Wölfen“. Der Autor, Bruno Apitz, einst selbst KZ-Häftling, wurde nur mit diesem Werk bekannt, das in der DDR Millionenauflagen hatte und das seit 1970 dort Pflichtlektüre im Deutschunterricht war. Die Bedeutung des Buches für die DDR wurde mit der des Tagebuchs der Anne Frank für die Bundesrepublik verglichen. Das Buch brachte als bedeutendes Werk des sozialistischen Realismus seinem Verfasser bereits im Erscheinungsjahr den Nationalpreis der DDR. Es ist, um die Fabel der Rettung eines dreijährigen jüdisch-polnischen Kindes im KZ Buchenwald, ein staatskonformes Heldenepos des kommunistischen Widerstandskampfes, aber es ist – trotz des Ideologietransports – auch die realistische Darstellung der Lebenswelt des Konzentrationslagers.

In der Mitte der 90er-Jahre erschien mit Bernhard Schlinks „Der Vorleser" ein schmales Buch, das Preise gewann, in viele Sprachen übersetzt wurde und Einzug in die Schulen hielt. Der Jubel in der Provinzpresse war stärker als der der Literaturwissenschaft, was dem Erfolg natürlich keinerlei Abbruch tat. „Dieses Buch sollte man sich nicht entgehen lassen, weil es in der deutschen Literatur unserer Tage hohen Seltenheitswert besitzt" hieß es etwas vage im Berliner „Tagesspiegel", und der Rezensent der Zürcher Weltwoche freute sich ähnlich allgemein: „Ein Roman von bestechender Aufrichtigkeit. Was für ein Glück, dass dieses Buch geschrieben wurde."

Es handelt sich um eine Art Entwicklungsgeschichte: Der 15-jährige Gymnasiast wird von der viel älteren attraktiven Frau in die Liebe eingeführt und liest ihr im Gegenzug die Werke der Weltliteratur vor. Eines Tages ist sie verschwunden. Als Jurastudent sieht er sie wieder — auf der Anklagebank in einem KZ-Prozess. Sie agiert höchst unglücklich, wird zur Höchststrafe verurteilt und entzieht sich durch Selbstmord am Tage der Entlassung aller weiteren Zuwendung durch den einstigen Liebhaber, der sie abholen will, nachdem er der Gefangenen Jahre lang auch zur Lektüre verholfen hat. Die einstige KZ-Aufseherin war Analphabetin, ihr Leben lang bemüht, diesen Makel zu verbergen. Die ganz persönliche Tragödie der Hanna Schmitz und das sexuelle Erwachen des Vorlesers bestimmen die Handlung. Die Welt des KZ, in der Hanna schuldig wurde, bleibt abstrakt, sie ist allenfalls Folie, ein aus Gerücht und Geraune drapierter Hintergrund. Man mag im Deutschunterricht im Gymnasium daran das Problem individuellen Schuldbewusstseins und des hilflosen Umgangs damit bearbeiten — als Instrument der Vermittlung von Zeitgeschichte, als Weg zur Einsicht in die Mechanik der Verfolgung und des Terrors ist das Buch ein Missverständnis. Der Irrtum ist thematisiert in einer Handreichung für Lehrer, in der drei einschlägige Vorzüge des Buches einleitend genannt sind: Erstens werde „aufgezeigt, dass der Vorleser in für einen Bereich der Gegenwartsliteratur typischer Weise das Thema Holocaust behandelt". Zweitens sei es „in einer durch Kommunikations- und Informationssysteme sowie durch Medien geprägten Zeit" von großer Bedeutung, Art und Bedingungen der Verständigung untereinander zu betrachten. Drittens gehe es um Verantwortung und Schuld.

Im Februar 2008 erreicht der Roman „Die Wohlgesinnten" das deutsch lesende Publikum. Das voluminöse Buch des Amerikaners Jonathan Littell hatte in Frankreich im Herbst 2006 grandiosen Erfolg gehabt. Mehr als 800 000 Exemplare seien verkauft worden, hieß es, und nun, so hoffte der deutsche Lizenznehmer, werde sich die „weltliterarische Sensation" in Deutschland vollenden. Dem war nicht so. Die seriöse Kritik wollte nicht in den kommerziell erwünschten Erregungszustand verfallen, den die Verlagswerbung zu erzeugen versuchte. Auch das Publikum blieb, trotz vollmundiger Parallelen zu Aischylos, zurückhaltend. Kritiker nannten das Buch öde. Und das Genre ist mit der Bezeichnung Voyeurismus richtig benannt.

Neu an dem Buch war, dass erstmals der Judenmord in fiktiver Darstellung - als Roman - aus der Perspektive der Täter erzählt wird: Der SS-Führer Maximilian Aue, promovierter Jurist, Schwuler, Mitarbeiter im Persönlichen Stab RFSS, der Entourage Heinrich Himmlers, der sich dank einer französischen Mutter nach dem Zusammenbruch des NS-Stabs nach Frankreich rettete, erzählt auf gut recherchierter Faktengrundlage vom Konzentrationslager, von den Gräueln der Einsatzgruppen, von Bordellbesuchen, von Abendunterhaltungen mit den Männern, die die SS-Dienstalterslisten anführten. Die Gründe, warum so viele Franzosen sich von der Erzählung eines „Täters" so anrühren ließen, wie die Deutschen vor 30 Jahren schockartig betroffen waren durch die Opferperspektive des Fernsehfilms „Holocaust“, bleiben rätselhaft. Die Literaturwissenschaft wird eines Tages über den poetischen Rang des Buches entscheiden. Historiker, die sich in gebotener Empathie mit den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung um Aufklärung bemühen, fragen sich jedoch irritiert, ob es künftig der beschriebenen Ingredienzen - Pornografie, detailreiche Schilderung des Tätermilieus, Ausstattung der Protagonisten mit modischen Accessoires - und einer Haltung moralischer Indolenz bedarf, um das Publikum mit der Darstellung von Historie zu erreichen.

In der Belletristik spielen nationalsozialistische Geschichte und ihre Verbrechen — das zeigten die Beispiele — trotz der begrenzten Aufregung, die über Littells  Buch entstand, eine sowohl marginale als auch von Missverständnissen geprägte Rolle. Film und Fernsehen als Massenmedien haben mindestens eine größere Reichweite als die Schöne Literatur und das Theater, aber auch mehr Möglichkeiten der Abbildung und Darstellung, sei es als Dokumentarfilm mit dem Anspruch der Authentizität, als Spielfilm mit dem künstlerischen Plädoyer der Inszenierung, sei es als Fabrikation von Unterhaltung.

III.


In den 80er Jahren begann eine neue Form der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Kinder und Enkel der „Täter“ meldeten sich zu Wort und setzten sich mit den Eltern auseinander. Das war ein schmerzhafter Prozess, der vielfältige eigene Beschädigungen öffentlich macht. Niemand kann etwas dafür, dass der Vater oder die Mutter Protagonist des Dritten Reiches oder fanatische Nationalsozialistin war, und keinem Menschen ist es verwehrt, sich öffentlich mit seinen Eltern auseinander zu setzen, seinen je persönlichen Generationenkonflikt zu agieren. Im Rückblick auf das Dritte Reich und seine Verbrechen kommt aber als weitere Dimension die Aufklärung über ein zentrales Feld deutscher Geschichte ins Spiel. Nationalsozialismus war eine öffentliche Sache, an deren Folgen wir zum Teil noch heute leiden, und deshalb muss für die Erinnerung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus durch Kinder und Enkel von Tätern ein besonderer Maßstab gelten.

Ist es Voyeurismus, wenn man sich mit seinem Vater und mit seiner Mutter auseinandersetzt und seinen Hass gegen die berechnende korrupte skrupellose Nazisse, die die Mutter war, öffentlich agiert? Das ist die Causa Niklas Frank. Er setzte einen Trend in Gang mit seinem Buch „Der Vater“, der Kampfschrift eines Verstörten, der provozieren wollte. Im zweiten Anlauf hat er sich die Mutter, die Gattin des einstigen Reichsministers Hans Frank, der es vom Rechtsanwalt Hitlers zum Generalgouverneur des okkupierten Polen gebracht hatte, vorgenommen. Die Lebensbeschreibung der Maria Brigitte Frank geb. Herbst (1895—1959) ist noch peinlicher als das Verdikt über den Vater. Das Buch ist ein weiterer Versuch, das Dritte Reich als Faszinosum, die führenden Verbrecher und ihren Anhang als hochinteressante Personen (interessant wegen ihrer abartigen Leidenschaften, bösartigen Obsessionen, obszönen Gewohnheiten) darzubieten. Eine Art Hofberichterstattung aus der Kammerzwerg-Perspektive.

Die Gefahr — das zeigen die Abrechnungen von Niklas Frank mit Vater und Mutter — bei solcher familiärer Auseinandersetzung mit einst prominenten Nationalsozialisten ist groß, dass die Protagonisten auf ihre menschlichen Schwächen reduziert werden und das Dritte Reich mithin als eine Serie von menschlichen Unzulänglichkeiten und Tragödien erscheint.

Das Wagnis der Kinder, die sich als Autoren den Vater als NS-Täter oder die Mutter als Gegenstand wählen, besteht darin (wenn nicht Hass die Triebfeder ist, der freilich die Auseinandersetzung ebenso verhindert wie apologetisches Streben), dass sie sich mit der Geschichte auseinandersetzen müssen, die von Historikern professionell erforscht und dargestellt ist, die aber im familiären Kontext kaum in allen nötigen Facetten rezipiert werden kann. Die Kompetenz des Sohnes oder der Tochter reicht, wenn es um den historischen Kontext geht, nicht weit.

Es geht Niklas Frank um Persönlichkeit und Charakter des Generalgouverneurs Hans Frank und dessen Ehe, um Missetaten und Sexualität der Eltern, nicht um das Schicksal der Polen, die nationalsozialistischer Herrschaft unterworfen waren. Die komplizierte Rolle des Generalgouverneurs zwischen SS, Hitler, der nationalsozialistischen Ideologie und dem Administrations- und Okkupationsapparat darzustellen, brächte Erkenntnis über das Wesen des Nationalsozialismus, nicht aber die Schilderung eines Grobians und seiner vulgären Frau in unendlichen Kaskaden hasserfüllter Beschimpfung.

Solche Betrachtung taugt allenfalls als Stoff für Psychotherapeuten, aber nicht zur Aufklärung über nationalsozialistische Ideologie und Herrschaft, denn die Person des einen oder anderen Akteurs (dass etwa Frank in ganz ungewöhnlicher Weise korrupt war) erklärt nicht viel über das Phänomen Nationalsozialismus und die Wut des 1939 geborenen Sohnes über den 1946 hingerichteten Vater ist Privatsache, die zur öffentlichen Angelegenheit zu machen kein Verdienst ist.

Albert Speer hat mit seinen sensationell erfolgreichen Erinnerungen die Lebenslüge der Generation der damals Mitlebenden bestätigt: Es sei nur eine kleine bösartige Clique von Verbrechern gewesen, denen das Schlimme am Nationalsozialismus anzulasten ist. Die anderen, die die Mehrheit bilden, waren Verführte. So sahen sie sich ja selbst, als Mitläufer, deren Idealismus missbraucht worden war, denen unmittelbar nach dem Zusammenbruch nationalsozialistischer Herrschaft die Augen aufgegangen waren, und die erst nachträglich von den Verbrechen unter nationalsozialistischer Ideologie Kenntnis erhalten hatten. Als Buße verstanden die, die glaubten, die Vergangenheit bewältigt zu haben, die Entbehrungen der Nachkriegszeit, die Wiederaufbauleistungen, die Trümmerbeseitigung und die Zahlung von Reparationen und „Wiedergutmachungsleistungen“, den Verlust der deutschen Ostgebiete, Flucht und Vertreibung von Millionen Deutschen und auch den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg.

Diese Haltung wurde bestätigt durch das Auftreten Albert Speers, der elegant und eloquent, nachdenklich und distanziert seine Rolle in der engsten Umgebung Hitlers öffentlich zu reflektieren schien, die erwarteten Antworten in einem unendlichen Strom von Interviews gab und 1969 mit seinen Erinnerungen den bis dato größten Medienerfolg im Genre Nationalsozialismus erzielte.

Speers Lesart der Geschichte blieb lange erfolgreich. Die Virtuosität seiner Selbstdarstellung hat er in unermüdlicher Anstrengung entwickelt und verfeinert. In Nürnberg vor dem Hauptkriegsverbrechertribunal hat er erkannt, wie wichtig es war, sich von den Kollegen auf der Anklagebank vorteilhaft zu unterscheiden; so gab er sich, alle überzeugend, als schuldig gewordener Unschuldiger, als reuiger Verführter. Nach 20 Jahren Haft trat er, seinen Marktwert erkennend und prominent unterstützt bei der Niederschrift seiner Erinnerungen als Geläuterter vor sein Publikum. Daraus wie aus der Sachkompetenz des einstigen Akteurs leitete er den Anspruch ab zu erklären, wie es damals, im Dritten Reich, zugegangen sei. Vor allem aber wollte er dabei die eigene Rolle für die Nachwelt stilisieren. Das ist freilich das Bestreben aller Memoirenschreiber und muss ihm nicht besonders angekreidet werden, eher seinen publizistischen Helfern und denen, die sein Produkt vermarkteten.

Mit seinem Film „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ gelang Malte Ludin 2005 das Porträt eines Täters, seines Vaters, der in der Familie als Schemen fortexistierte, ohne recht eigentlich Erinnerungsspuren hinterlassen zu haben. Hanns Elard Ludin, 1905 in Freiburg geboren, 1933 kurze Zeit Polizeipräsident in Karlsruhe, 1947 in Bratislava hingerichtet, hatte als Leutnant der Reichswehr Kontakte zur NSDAP geknüpft, war deswegen verurteilt und entlassen worden, machte ab 1931 Karriere in der SA und wurde im Januar 1941 als Gesandter Statthalter Berlins im Satellitenstaat Slowakei. In dieser Funktion wurde er verantwortlich für die Deportation slowakischer Juden und für die Niederschlagung des Nationalaufstands. 1944 wurde er aus amerikanischer Gefangenschaft an die Tschechoslowakei ausgeliefert und nach einem mehrmonatigen Prozess zum Tode verurteilt. Das Schweigen, das Nichtwahrhabenwollen seiner Schuld, die Konflikte in der Familie über den Gatten, den Vater, die nicht ausgetragen werden können zwischen den Geboten der Loyalität und dem Wunsch, die Wahrheit zu erfahren und zu ertragen, dokumentiert Malte Ludins Film in exemplarischer und überzeugender Weise.

Eine Enkelin Hanns Ludins, Alexandra Senfft, die Nichte des Dokumentarfilmers, hat die lebenslange Qual ihrer Mutter, der ältesten Tochter Hanns Ludins, zum Gegenstand eines Buches gemacht. Mit quälender Akribie wird protokolliert, wie Erika, 1933 geboren, durch die heillose Sehnsucht nach dem Vater schwer beschädigt, ihr unstetes Leben bis zum tragischen Ende 1998 durchleidet. Die „deutsche Familiengeschichte“ ist so indiskret wie erhellend: drei Frauen in drei Generationen sind zeitlebens vom Nationalsozialismus stigmatisiert. Die älteste, die Frau des Täters, geht im Überlebenskampf, in der Wiederaufbau- und Verdrängungsleistung ihrer Generation auf. Die Familiensaga macht den hingerichteten Gesandten Ludin zum „guten Nazi“, um mit der Erinnerung leben zu können. Die Tochter agiert selbstzerstörerisch das Erbe, erst die Enkelin kann sich — gegen die stillschweigende Verabredung der Familie — mit der Last auseinandersetzen. „Fakt ist, dass wir mit der seelischen Aufarbeitung unserer Familiengeschichte, wenn überhaupt, erst zaghaft begonnen haben. 2007 sind sechzig Jahre vergangen, seit mein Großvater gehenkt wurde — fast ein Menschenleben. Wenn ich bedenke, wie sehr die Schuld von damals noch heute in uns, den Nachkommen, weiterwirkt — unbemerkt versteckt, verdeckt, verschwiegen —, dann sind diese Jahre keine Zeit. Keine Zeit oder nicht genutzte Zeit.“

IV.


Damit sind wir längst im Alltag angekommen.
An drei Beispielen, an Täterbiografien, will ich skizzieren, wie nationalsozialistische Verbrechen in die Lebenswelt der Gegenwart reichen, durch die Täter, die Teil der Nachkriegsgesellschaft waren. (Für die Informationen danke ich Dr. Manfred Koch vom Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe.)

Hans-Joachim Böhme war Jurist und als SS-Standartenführer an Massenmorden an Juden beteiligt. Er war Kommandeur der SIPO und des SD in Rowno und Shitomir, zum Schluss im Reichssicherheitshauptamt in Berlin. 1945 bis 1948 tauchte er als landwirtschaftlicher Arbeiter in der Lüneburger Heide unter. Oktober 1948 bis 1951 betätigte er sich als Steuerberater in Karlsruhe, 1952 bis 1956 war er Wirtschaftsjurist bei der Bausparkasse Badenia. Im August 1956 erfolgte die Festnahme; im Ulmer Einsatzgruppenprozess erhielt er als Hauptangeklagter 15 Jahre Zuchthaus wegen Beihilfe zum gemeinschaftlichen Mord in 3907 Fällen. Er starb am 31. Mai 1960.

Adolf Friedrich Wilhelm Rübe wurde 1896 in Karlsruhe geboren und ist 1974 dort gestorben. Nach einer Lehre als Dekorateur trat er 1920 in den Polizeidienst in Lörrach, 1923 kam er ins Landespolizeiamt Karlsruhe, 1942 wurde er zum Kommandeur der SIPO und des SD Weißruthenien versetzt. Der Kriminalsekretär, der in Karlsruhe Karteien geführt und Asservaten verwaltet hatte, wird jetzt zum Massenmörder, der Juden aus dem Ghetto Minsk willkürlich auf eigene Initiative erschießt und erschießen lässt, darunter 30 Schwangere im Ghettokrankenhaus Minsk. Denn schwanger zu sein, war nach deutschem Befehl für Juden im Ghetto verboten.

1949 wurde Adolf Friedrich Wilhelm Rübe, der 1946 verhaftet worden war, zu lebenslänglichem Freiheitsentzug verurteilt, bis 1962 verbüßte er einen Teil der Strafe in Bruchsal, dann lebte er bis zu seinem Tod 1974 in Karlsruhe.

Erich Ehrlinger wurde 1910 in Giengen geboren, ein Jurastudium hat er abgebrochen, um hauptamtlicher SA-Funktionär zu werden, dann ging er zum SD. 1941 war er Mitglied im Sonderkommando 1b der Einsatzgruppe A, also einer SS-Einheit, deren Aufgabe die Ermordung von Juden war. Im September 1943 war er als SS-Standartenführer in Minsk ein Täter des Holocaust im höheren Offiziersrang. 1944 war er ins Reichssicherheitshauptamt, die Zentrale des Judenmords in Berlin, versetzt worden. 1945 tauchte er unter falschem Namen unter und zwar als Empfangschef im Spielkasino in Konstanz. 1954 wurde er Leiter der VW-Vertretung in Karlsruhe. Im Dezember 1958 wurde er entdeckt und verhaftet. Das Landgericht Karlsruhe verurteilte ihn zu 12 Jahren Zuchthaus. Er legte Berufung ein 1969 wegen dauernder Verhandlungsunfähigkeit. Seit 1965 war Ehrlinger auf freiem Fuß, 1969 wurde sein Verfahren eingestellt. Anfang der 1990er Jahre ist er in Karlsruhe gestorben.

Warum sind diese Täterbiographien hier skizziert? Die Diskrepanz zwischen der Monstrosität der Verbrechen, die sie als Funktionäre des NS-Regimes begingen, und der banalen Existenz als Bürger nach dem Zusammenbruch des NS-Staats ist frappierend. Sie lehrt uns vieles: Jeder kann zum Täter werden und nach Exzesstaten in die Zivilgesellschaft anständiger Bürger zurückkehren.

Die Zeit des Unrechtsregimes ist nicht nur für die traumatisierten Opfer noch nicht abgeschlossen. Auch die Täter waren vor und nach ihrer Tat Privatpersonen mit Familien, Kindern und Enkeln, die der Auseinandersetzung mit ihrem Erbe nicht ausweichen können. Das gilt für die Akteure der „Reichskristallnacht“ ebenso wie für diejenigen, die sich später am Judenmord schuldig machten. Die genaue Kenntnis darüber, wie 1938 Exzesse gegen eine Minderheit inszeniert werden konnten und wie die Inszenierung übergriff, dann Allzuviele in ihren Bann zog und zu Tätern der Pogromnacht werden ließ, macht die Ereignisse mit ihren Wirkungen zum Lehrstück für die Nachgeborenen.

 

Prof. Dr. Wolfgang Benz, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Karlsruhe, 9. November 2008

 

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