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„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“ (David Ben Gurion) - 60 Jahre Staat Israel

Dr. Georg M. Hafner, Abteilungsleiter Fernsehen, Politik und Gesellschaft beim Hessischen Rundfunk

(es gilt das gesprochene Wort)

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Was für ein Satz! Ich muss Ihnen allerdings eines gleich zu Beginn gestehen: ich bin Realist, oder halte mich wenigstens für einen, und glaube nicht an Wunder. Aber ich will Ihre freundliche Einladung dazu nutzen, mich endlich diesem „wunderbaren“ Satz, der gemeinhin Ben Gurion zugeschrieben wird, zu stellen. Als Realist.

 

Damit befinde ich mich allerdings schon mitten im Dilemma: Ich wollte nämlich schlicht wissen, wann, wo, und warum Ben Gurion diesen Satz gesagt oder geschrieben hat. Die drei großen journalistischen W’s eben. Wer den Satz goo­gelt, erhält 584 Einträge, wer Ben Gurion dazu gibt, immerhin noch 256. Aber ich war ehrlich gesagt ziemlich ernüchtert: die Quellenlage ist so miserabel, dass sogar zu fragen ist: Stammt die­ser Satz überhaupt von Ben Gurion?

 

Ich kann es Ihnen nicht sagen. Ich habe jeden­falls keinen belastbaren Beleg dafür gefunden. Stattdessen jede Menge Zeitgenossen, wie mich, die zwischen Hoffnung und Verzweifelung schwanken und die bei der Betrachtung Israels und dessen Überlebenschance genau diesen Satz wie oft bemüht haben. Denn selbst wer nicht un­bedingt an Wunder glaubt, findet genug Belege dafür, dass es sich nur um ein Wunder handeln kann, dass ein so winziges Land wie Israel noch auf der Landkarte steht.

 

Freilich nicht auf jeder Landkarte.

 

Die Hamas beispielsweise hat Israel sowieso nie auf ihrer Agenda gehabt, auf keiner Landkarte, in keinem Schulbuch, nicht auf ihrem Briefkopf und im Kopf ohnehin nicht. Das erstaunt nicht wirklich, denn für die Hamas existiert Israel ein­fach nicht. Leider sieht das bei der jetzt allent­halben als gemäßigt gepriesenen Fatah auch nicht grundlegend anders aus.

Als sie, die Fatah,,noch allein das Sagen hatte und somit auch die Hoheit hatte über das Erziehungsmi­nisterium fehlte Israel in jedem Schulbuch – finanziert übrigens ganz wesentlich mit Mitteln der EU. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Kinder in Palästina lernen, dass Haifa genauso eine palästinensische Stadt ist wie Bersheva. Und Tel Aviv fehlt gleich ganz. Soweit Paläs­tina.

 

Aber auch hier kann es schon mal vorkommen, dass dieses Land, obgleich stattliche 60 gewor­den, einfach weg ist. Das ist einer über jeden Verdacht erhabenen Institution passiert, der Evangelische Kirche Deutschlands (EKD), die vor zwei Jahren bei einer Pressekonferenz in Israel eine Nahostkarte verteilte, bei der das Gastland nicht verzeichnet war. Syrien, Jorda­nien und ein Staat namens „Sinai“ waren dort eingetragen, auch den Gazastreifen gab es und die Westbank und die „von Israel besetzten“ Golanhöhen. Nur Israel nicht.

Ich erwähne diese Panne nur deshalb, weil sie eigentlich nur mit Israel passiert, denn Ver­gleichbares könnte man sich schwerlich vorstel­len bei einer Landkarte Deutschlands etwa, auf der die neuen Bundesländer fehlten. Möglicher­weise sei der Name Israels „beim Kopieren der Karte heraus gefallen“, zitierte der Nachrichten­sender n-tv den etwas ungelenken Pressesprecher der EKD.

 

Israel hat Schlimmeres durch gestanden und hat auch diese Groteske natürlich  überlebt. 60 Jahre nun schon. Sechs Jahrzehnte mit einem einzigen Auf und Ab. Die „kühnste Staatsgründung des Jahrhunderts“, wie selbst der eher Israel distan­zierte SPIEGEL fast anerkennend vermerkt, hat alle Anfechtungen und 5 Kriege und zwei Intifa­das bisher überlebt. Kühnheit und Wunder liegen eben manchmal eng beieinander.

 

Kaum jemand hat das Wunder der Geburtsstunde Israels so liebevoll beschrieben, wie der große israelische Schriftstelle und Friedensaktivist Amos Oz. Und es ist zunächst weniger der 14. Mai 1948, als Ben Gurion den Staat Israel aus­rief, als jene denkwürdige Nacht des 29. No­vember 1947, als im fernen New York die Ver­einten Nationen darüber abstimmten, wie Paläs­tina zu teilen sei zwischen Juden und Arabern und wie diese Teilung aussehen müsste nach dem Abzug der britischen Besatzungsmacht.

 

Die Nachrichtenübermittlung damals sah natür­lich anders aus als heute, keine Fernseh-Live­schalten, keine Hochrechnungen,  keine Progno­sen, sondern nur ein schlichter Reporter im Radio. Der damals 8 Jahre alte Amos Oz erinnert sich an diese Nacht genau. Sabbat war gerade vorbei und die Menschen waren auf die Straßen gelaufen an die öffentlichen Lautsprecher mit der Direktübertragung aus New York. Monoton wurde abgefragt, wer dafür, wer dagegen war, wer sich enthielt unter den Staaten der Völker­gemeinschaft.

 

Die Anspannung war zum Greifen nah, die Ge­sichter der vor dem Holocaust nach Palästina ge­flohenen Menschen wie erstarrt. Dann das Er­gebnis: 13 Staaten dagegen, darunter Griechen­land und die Türkei, 10 Enthaltungen, darunter Großbritannien und 33 dafür, die Sowjetunion und die USA. Der Jubel danach muss unbe­schreiblich gewesen sein, bei den Juden. „Mein hoch gebildeter, wohlerzogener Vater stand dort und schrie aus voller Brust, nicht Worte, nicht Wortspiele, keine zionistischen Parolen und keine Jubelrufe, sondern einen langen, nackten Schrei wie vor der Erfindung der Worte“.

 

Ben Gurion übrigens, so will es die Überliefe­rung¸ hat die entscheidende Abstimmung ver­schlafen. Er war an diesem Abend besonders früh zu Bett gegangen. In einem Hotel am Toten Meer. Um Mitternacht klopft es an seiner Tür, er wird wach und schaut aus dem Fenster seines Hotels: am Strand tanzen die Menschen, jubeln, umarmen sich.

 

In seinem Tagebuch notiert er: „Ich konnte nicht tanzen, ich wusste, dass uns ein Krieg bevor­stand und dass wir die Elite unserer Jugend in diesem Krieg verlieren würden“. Ein propheti­scher Realist, wie sich zeigen sollte, bis in un­sere Tage.

 

Der Rest ist bekannt, der Rest ist Geschichte. Es ist die Geschichte eines Staates, der anders als alle anderen Staaten der Welt seine Existenz immer wieder neue erstreiten musste. Selbst 60 Jahre später immer noch. Rudolf Augstein, Spiegelherausgeber, in späteren Jahren kein wirklich bekennender Freund Israels, schrieb zum 20. Jahrestag der Staatsgründung sehr realistisch die Überlebens­chancen Israels einschätzend: „Dieser jüdische Staat hatte von je nur das Existenzminimum. Man kann ihm nichts wegnehmen, ohne ihn zu ruinieren“. Seine späteren Kommentare sehen anders aus.

 

Dennoch: Kein Tag vergeht, an dem nicht ir­gendwer Israel von der Landkarte fegen möchte. Die einen mit Waffengewalt, die anderen mit Worten.

 

Es gibt kein anderes Land, dessen Existenzrecht auch nur diskutiert wird. Bei Israel dagegen wird munter und gerne auch öffentlich darüber ge­stritten. Selbst Überlegungen, eine neue jüdische Heimstatt zu suchen, irgendwo auf der Welt, werden ernsthaft angestellt. Vor zwei Jahren be­kannte sich Peter Voß, Moderator des ARD-Presseclubs, zu seinem Gedankenspiel, dass sich Israel „langfristig dort nicht halten kann“. „Ich glaube“, so der Moderator damals wörtlich, „wir werden irgendwann die Israelis wieder in Europa aufnehmen“.

 

Ein antisemitischer Ausfall? Keineswegs, son­dern ein zutiefst verzweifelter Satz. Er glaube einfach nicht an eine Änderung der inneren Rei­fungsprozesse in der arabischen Welt, an eine Mentalitätsveränderung dort, meinte Voß. Die arabischen Nachbarn seien einfach unbelehrbar und voller Hass. Dass dieser Hass systematisch geschürt wird, wird gerne übersehen.

 

Die antisemitische Urschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“ gibt es derzeit in 60 unter­schiedlichen arabischen Ausgaben und sie sind die Grundlage gewesen einer 41-teiligen Fernsehserie, die das staatliche ägyptische Fern­sehen kürzlich erst gesendet hat. Wohlgemerkt: Ägypten, das arabische Land, das als erstes Frie­den mit Israel geschlossen hat.

 

Andererseits werden auch andere Stimmen lau­ter. „Was in Gaza momentan passiert, ist das Ende des Traumes von einem Palästinenser­staat", kommentiert ein palästinensischer Re­dakteur in Bethlehem. Weder die Palästinensi­sche Autonomie unter Mahmud Abbas noch die israelische Regierung haben seiner Meinung nach verstanden, dass der Hamas und ihrem Klientel alles daran liegt, ein unabhängiges Pa­lästina zu verhindern.

 

Aber selbst wenn wir uns für einen Augenblick eine Auflösung des Staates Israel vorstellen - so absurd und unfair es an seinem Geburtstag auch sein mag -  wäre dann wenigstens der Hass der Nachbarn beendet?

Wenn das Objekt der Wut, Israel und die Juden, einfach weg wären, wäre damit auch der Nahostkonflikt Geschichte? Ganz Palästina den Palästinensern, würde dann die Welt ein Stück friedlicher und die Muslime be­sänftigt und wieder gut Freund mit uns sein?

 

Wer das glaubt, der glaubt an Wunder und ist mit Sicherheit kein Realist. Selbst wenn Israel einmal Geschichte sein sollte, der Furor der Is­lamisten gegen den Westen insgesamt wird durch die Preisgabe eines Landes wie Israel nicht zu stoppen sein. Jedes Zurückweichen wurde als Schwäche gewertet: als Israel 2000 den Südliba­non räumte, buchte das die Hisbollah als Sieg und die Palästinenser rüsteten zur zweiten Inti­fada. Gleichzeitig wurde der Südliba­non zum militärischen Vorposten gegen Israel: 12 000 Raketen wurden in Stellung gebracht, Festungs­anlagen und ein gewal­tiges Tunnelsystem wur­den gebaut, nur zu einem einzigen Zweck: um Israel anzugreifen. Die ersten Opfer dieser Kriegsvorbereitung: zwei bis heute ver­schollene, vermutlich aber längst ermor­dete israelischen Soldaten: Ehud Goldwas­ser und Eldad Regev.

Oder der immer wie­der auch international einge­forderte Rück­zug Israels aus Gaza: auch das fei­erte die Hamas als Sieg und bedankte sich mit einem Dauerbeschuss durch Kassamrake­ten. Selbst die komplette Auslöschung Israels wäre nur ein Etappensieg.

 

Nun wird ja gebetsmühlenartig und mit gleich bleibender Sturheit behauptet, wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten. Es sei die Brutalität der isra­elischen Besatzung, es sei die erbarmungslose Härte der Militärein­sätze, die verzweifelte Men­schen dazu treibt, das eigene Leben einzusetzen, um Freiheit zu erlangen. Steine gegen Panzer, das eigene Leben für die Freiheit. Eine zu­tiefst heroische Tat in einem völlig unfai­ren, unglei­chen Machtkampf. „Sie morden aus Verzweif­lung“ überschrieb der STERN entschuldigend eine Reportage über den arabischen Terror.

 

Nicht viel schöner der Katholische Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke. Er ließ sich ver­gangenes Jahr zu der Äußerung hinreißen:

 

"Morgens in der Gedenkstätte Jad Vaschem die Fotos vom unmenschlichen Warschauer Ghetto, abends fahren wir ins Ghetto nach Ramallah. Da geht einem doch der Deckel hoch."

 

Erst nach einem Protestbrief des Direktors von Jad Vashem ging der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofs­konferenz, Kardinal Leh­mann, auf deutli­che Distanz zum Ausrutscher seines Amts­bruders.

 

Israelis sind die Nazis, und  Palästinenser die Aufständischen im Warschauer Ghetto.  Genau diesen Vergleich hatte bereits Prof. Udo Stein­bach, damaliger Leiter des Orientinstituts an der Uni Hamburg und bekannter Nahostexperte gezogen. Was aber heißt das? Planen die Israelis die Vernichtung des palästinensischen Volkes? Werden Palästinenser systematisch ermordet? Ist Ramallah ein Ghetto, in dem die Menschen ein­gepfercht sind, ausgehungert, wahllos erschossen werden und auf den Abtransport in die Vernich­tungslager warten? Das wird weder Prof. Stein­bach noch Bischof Hanke behaupten.

 

Wie also kommt es dann zu solchen – psychologisch sicher aufschluss­reichen – historischen Entglei­sungen, die sich in schöner Regelmäßigkeit wie­der­holen? Und zwar quer durch alle politi­schen Parteien: von B wie Norbert Blüm, der von einem „hemmungslosen Vernich­tungskrieg“ der Israelis gegen die Palästi­nenser sprach, über Os­kar Lafontaine und Jürgen W. Möllemann und Christian Ströbele bis Z wie Heidemarie Wieczorek-Zeul, die gerade erst vor Ort war und Israel verantwortlich machte für den Raketen­ter­ror der Hamas. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.

Die Gewalt wird enden, sobald Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückzieht, heißt es ste­reotyp von denen, die an Wunder glauben oder nicht lesen können.

 

Kleine Kostprobe aus der Charta, dem Grundge­setz der Hamas:

 

"Das jüngste Gericht wird nicht kommen, so­lange Moslems nicht die Juden bekämpfen und sie töten. Dann aber werden sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken, und die Steine und Bäume werden rufen: 'Oh Moslem, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm' und töte ihn."

 

Friedliche Koexistenz, Zweistaatenlösung, sieht anders aus. Eine Anerkennung Israels? Niemals. Einhellig und ohne jeden Schnörkel erklären Hamas und Hisbollah gefragt und ungefragt: auch bei einem Ab­zug der israelischen Armee aus allen be­setzten Gebieten werde weiterge­kämpft.

 

Seit der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen im Juni 2007 sind bereits über 3700 Kassamraketen auf Israel abge­schossen worden, die meisten auf Sderot, eine 23 000 Einwohner zählende Klein­stadt, eine Autostunde südlich von Tel Aviv. 25 Menschen wurden bisher ge­tötet, vergangene Woche traf es einen 47jährigen Familienvater von vier Kindern. Von den zahllo­sen Verwundeten und Traumatisier­ten nicht zu reden. Wie geht es einem achtjährigen Jungen, dessen Bein vor we­nigen Tagen amputiert wer­den musste? Aber Nachrichtenwert erlangt der tägliche Raketen-Terror eher selten und oft  nur dann, wenn Israel sich wehrt.

Hochgerech­net auf die deutsche Bevölkerung hätten wir 320 Tote und über 10400 Verletzte zu beklagen allein durch den Raketen­beschuss.

 

Die Palästinenser wollen einen eigenen Staat. Völlig zu Recht. Sie fordern einen Stopp des Ausbaus der Siedlungen. Zu Recht. Aber warum haben sie die Tei­lung Palästinas 1947 nicht als Chance begriffen, warum trat die Öffent­lichkeit für dieses unstrit­tige Recht nicht viel früher ein, als Ägypten den Gazastrei­fen widerrechtlich besetzte, oder Jorda­nien die Westbank?

 

Bis 1967 war keine Rede von einem eige­nen Staat. Auch nicht von Besatzung übri­gens. Erst als israelische Truppen die ägyptischen und jor­danischen Besatzer ablösten, wurde von Besat­zern geredet und von dem Wunsch nach einem eigenen Staat.

 

Seltsam auch, dass es in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle spielte, dass die Mehrheit der Jordanier Palästinenser sind – ohne dass sie teil­haben an der Macht. Im Gegenteil: im Septem­ber 1970 kommt es zu einem furchtbaren Blut­bad, als der jor­danische König Hussein befiehlt, einen palästinensischen Aufstand niederzu­met­zeln, fast 40 000 Palästinenser verlieren ihr Le­ben im „Schwarzen September“.

 

Tausende von Terrortoten später ist für die pa­lästinensische Seite nichts erreicht: Nach den Osloer Verträgen, die Yassir Arafat platzen lies, und nach zwei Intifadas, die auf beiden Seiten eine Blutspur hinterlas­sen haben, sind sie immer noch ohne eige­nen Staat. Was Abba Ebban als israelischer Außenminister über Yassir Arafat sagte – Zitat: „Er verpasst keine Gelegenheit, eine Gelegenheit zu verpassen!" – das gilt leider für die Palästinenser insgesamt.

 

In einem Interview mit einer jordanischen Zei­tung betonte Palästinenserpräsident Machmud Abbas gerade wieder, dass der bewaffnete Kampf gegen Israel bald wie­der aufgenommen werden könne. Eine An­erkennung Israels gäbe es mit ihm aller­dings nach wie vor nicht. 60 Jahre nach der Teilung Palästinas! In demselben Inter­view brüstet er sich obendrein, er habe schon 1965 die ersten Anschläge organisiert und sei Lehrmeister der Terrororganisation Hisbollah gewesen.

 

Die Palästinenser, ein betrogenes Volk, üb­rigens von Anfang an. Der Teilungsplan der Vereinten Nationen wurde von der Mehrheit der Palästi­nenser nämlich durch­aus begrüßt, schließlich waren sie Nach­barn, Arbeitskollegen, Freunde sogar. Aber es kam anders.

 

„Nimm immer an einem Dialog teil. Und wenn es zu einem Abkommen kommt – unterzeichne es. Danach stehe von deinem Stuhl auf, und drü­cke deinem Rivalen einige warme Küsse auf die Wange. Dann versetze ihm einen Schlag, und dann fordere einen neuen Dialog“, so beschreibt der ägyptische Dramatiker Ali Salem die Taktik der palästinensischen Führung. Er beschreibt es sicherheitshalber lieber in einer in London er­scheinenden ägyptischen Zeitung.

 

14. Mai 1948. Ein schicksalhafter Tag für Juden und Araber; ein Tag, dessen Aus­wirkungen bis heute die Weltpolitik bestimmen.  Für die Juden geht an diesem Tag das 2000jährige Exil zu Ende – der Staat Israel wird ausgerufen. Für die Palästinenser bedeutet dieses Datum den Beginn der „Nakba“– der „Katastrophe“, der massen­haften Flucht aus ihren Dörfern und Siedlungen.

 

Flucht oder Vertreibung? Darüber streiten auch in Israel die Histori­ker heftig. Für die betroffe­nen Menschen ist das zweitrangig.

 

Der blutige Überfall der jüdischen Untergrund-gruppe Etzel auf das arabische Dorf Deir Jassin, nahe Jerusa­lem, löste bei der arabischen Bevöl­kerung Paläs­tinas Panik aus, die von deren Führung bewusst geschürt und von der jüdischen Führung billi­gend in Kauf genommen wurde. 

 

Dabei werden Familien getrennt, wie die Familie von Abu Abassam. Ein Teil lebt im Libanon, der andere Teil ist zurückgekehrt nach Israel, nach Akko, wo der Vater das Haus der Familie gegen die Juden vertei­digte. Heute lebt sein Sohn dort, ist Last­wagenfahrer, darf wählen, genießt alle Rechte und Pflichten eines Israelis, fast alle sagt er.

Sein größter Wunsch nämlich sei es, dass seine Enkel endlich dürften, was ihm verwehrt blieb: in der israelischen Armee zu dienen. Was für unsere Ohren klingt, wie die Aussage eines verwirrten Alten, ist tatsächlich nicht so selten:  Ein Viertel der arabischen Bürger Israels ist nach einer neuen Umfrage bereit, für den Staat der Ju­den zu kämpfen.

 

Saada Suleiman aus Hawassa, einem arabi­schen Dorf nahe Haifa, sie erinnert sich an den Tag der Staatsgründung Israels noch sehr genau: die heute 86jährige verkaufte als kleines arabisches Bauernkind Milch und Joghurt an jüdische Nachbarn, denen sie oft behilflich war beim An­zünden der Sabbatkerzen. Das friedliche Mitein­ander fand ein jähes Ende mit der Ausrufung des Staates Israel und dem Überfall der arabi­schen Nachbarn. Als eines Nachts der Imam alle Dorf­bewohner zusammenrief und ihnen mitteilte, sie sollten weggehen, um nicht zwischen die Linien der israeli­schen Armee und der arabischen Kämpfer im Dorf zu geraten, gingen Saada und ihre Familie davon aus, in wenigen Tagen zu­rückzukehren. So hatten die arabischen Führer es ihnen versprochen.

Doch aus den 7 Tagen sind schon 60 Jahre geworden. Heute lebt Saada in einem palästinensi­schen Flüchtlingslager bei Tyrrhus im Südlibanon, erbaut für 5000 Men­schen wohnen heute 20.000 auf engstem Raum. Längst wären sie weggezogen, aber die libanesi­sche Regierung verbietet den Pa­lästinensern, ein Grundstück oder eine Wohnung außerhalb des Lagers zu  kaufen. Sie sind staatenlos und weit­gehend recht­los, Bürger zweiter Klasse, ohne Pass, ohne Staatsbürgerschaft. Saada fühlt sich deshalb von den arabischen Bruder­staaten verraten und politisch miss­braucht. Ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft für ihre En­kel richtet sich schon lange nicht mehr auf die libanesische Re­gierung und auch nicht auf die Hisbollah, sondern ausschließlich auf Allah, der eines Tages vielleicht ihre Gebete erhören und ihnen Frieden schenken wird. Sie wartet also auf ein Wunder.

 

Ihr größter Wunsch? Sie will nach Israel, will israelische Staats­bürgerin werden. Eine Realistin ist sie vermutlich nicht.

 

Vertreibung ist, gleichgültig wo sie statt­findet und warum, ein nicht hinzunehmen­des Unrecht und völkerrechtswidrig. Das trifft auf die Ver­treibung der Palästinenser ebenso zu, klar!, aber eben auch auf die Vertreibung der Juden aus arabischen Ländern. 850 000 Juden mussten ihre arabische Heimat ver­lassen. Auch eine Zahl, die gerne in der Schuldbilanz vergessen wird.

 

Als Reaktion auf die Ausrufung des Staates Israel wur­den allein im Irak 135 000 Juden rechtlos, der Zionismus zum Kapitalverbrechen er­klärt. In einer giganti­schen Aktion wurden sie über Zypern nach Israel evakuiert, ihr Vermögen im Irak beschlagnahmt, nur ei­nen Koffer mit 50 Kg durften sie mitneh­men.

 

Wir begehen den 60. Jahrestag der Grün­dung des Staates Israel, die Wirklichkeits­werdung eines Wunders. Es geschah übri­gens gegen den aus­drücklichen Rat der Amerikaner. Und gegen den Rat enger Weggefährten Ben Gurions. Man sei noch nicht gerüstet gegen die arabische Über­macht. Die Zeit noch nicht reif. 

 

Und in der Tat: während die Arabische Liga noch vor der Ab­stimmung in New York alle politi­schen und vor allem alle militärischen Kräfte mobilisierte für einen Krieg gegen die Juden, waren die eigenen militärischen Kräfte in einem jämmerlichen Zu­stand. Keine 2000 Maschinenpistolen standen zur Verfügung, keine Panzer, keine Flugzeuge. Damit war kein Staat zu machen, noch weniger ein Staat zu verteidigen.

 

Und die im Guerilla-Kampf gegen die bri­tische Besatzung gestählten Untergrund­einheiten, von Etzel bis Palmach, von Irgun bis Lechi, es waren zu allem entschlossene Brigaden, die auch vor Terror nicht zu­rückschreckten und die weit ent­fernt waren von einer gesitteten Armee. Ge­schickt, aber auch mit harter Hand und unter bluti­gen Opfern, hat Ben Gurion sie entmachtet und in die reguläre Armee, die Haganah, ge­zwungen, ein für die politische Staatsbil­dung un­abdingbarer Kraftakt.

 

Diese Durchsetzung des staatlichen Ge­waltmo­nopols hat kein palästinensischer Führer je ge­wagt. Schon gar nicht Arafat: unter seiner Verantwortung lieferten sich die Hamas, der islamische Dschihad, die Tansim einen blutigen Terror­wettlauf, be­gleitet von kriminellen Banden­kriegen und Korruption. Ben Gurion aber wusste, Demokratie verträgt keinen Aufschub und kein Zögern.

 

Dabei steckte er in einem tat­sächlichen Dilemma: Israel kämpfte um das nackte Überleben und es hätte keinen ungünsti­geren Zeitpunkt gegeben, einen internen Macht­kampf zu führen. Aber eben auch keinen Besse­ren.

 

Oder um an dieser Stelle den eigentlichen Visionär eines jüdischen Staates, Theodor Herzl zu zitieren: „Wer in dreißig Jahren Recht behalten will“, schrieb er einmal auf der Rückseite seiner Visiten­karte, „muss in den ersten drei Wochen seines Auftretens für verrückt erklärt wer­den.“ Eine Lehre, die die palästinensische Führungselite bis heute nicht begriffen hat.

 

Mit dem Putsch der Hamas ist diese Option für den Gazastreifen al­lerdings derzeit ohnehin obsolet. Die Palästinen­ser, sie haben sich ihre Henker selbst gewählt. 

 

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“. Selbst wenn dieser Satz nicht verbürgt aus dem Munde Ben Gurions stammen sollte, er passt zu ihm. Es braucht Männer und Frauen wie ihn, die alles auf eine Karte setzen im festen Glauben, meinetwegen auch an ein Wunder. Die Ausru­fung des Staates Israel war ein Hochseilakt ohne doppelten Boden. Es sprach wenig dafür, dass dieses Wagnis gelingen könnte. Und doch hat er es gewagt. Für historische Momente braucht es offenbar besonders  mutige Menschen. Ben Gurion war so einer.

 

Vergleichbar vielleicht mit Anwar el Sadat, dem ägyptische Staatspräsident, der – wenn auch über schmerzliche Umwege gewonnen - den Mut zum Frieden mit Israel hatte, dafür aber mit dem Leben bezahlen musste aus den Gewehrläufen der Islamisten. Zu seiner Beerdigung 1981 reiste kein einziger arabischer Staatschef an. In Libyen und im Südlibanon wurde sein Tod sogar gefeiert. In der iranischen Hauptstadt Teheran wurde eine Straße nach dem Mörder Sadats benannt. Erst 2001 wurde sie in die „Straße der Intifada“ umbenannt.

 

Aber zurück zum 14. Mai 1948. Einem Freitag.

 

„Wir strecken allen Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und auf gute Nachbarschaft entgegen“, rief Ben Gurion den damals schon zu allem entschlossenen Feinden Israels entgegen. Sie standen schon vor den Toren Jerusalems und hielten die heilige Stadt umzingelt, weshalb Ben Gurion nach Tel Aviv ausweichen musste.

 

Die Proklamation des neuen Staates passte auf zwei Schreibmaschinenseiten. „Der Staat Israel ist geboren“, ruft Ben Gurion am Ende.

 

Aber als ob er ahnte, was diesem Land an Prüfungen bevorsteht, schreibt er in sein Tagebuch: „Wieder fühle ich mich als eine Art Leidtragender unter lauter froh gestimmten Men­schen“.

 

Wenige Wochen vor der Proklamation des jüdi­schen Staates geschieht ein Wunder: ein aus der Tschechoslowakei kommendes Flugzeug liefert die ersten Waffen für den neuen Staat: 200 Ge­wehre und vierzig Maschinengewehre. Tags darauf ein zweites Wunder: mit 4500 Gewehren, 200 Maschinengewehren und 5 Millionen Patro­nen, wieder aus der CSSR, schlüpft ein Fracht­schiff durch die Seeblockade der Briten. Die heikle und kostbare Fracht war unter Tonnen von Zwiebeln versteckt. Als schließlich noch 54 Flugzeuge der Firma Messerschmidt aus Restbe­ständen des II. Weltkriegs eintrafen, gelang es Ben Gurion die täglichen Angriffe der arabi­schen Nachbarn abzuwehren. Der große Angriff der Nachbarn stand aber noch bevor.

 

In der Nacht der Ausrufung des Staates Israel wird Ben Gurion zweimal geweckt. Um ein Uhr wird ihm mitgeteilt, dass der amerikanische Prä­sident Truman den neuen Staat anerkennt, um fünf Uhr wird er gebeten eine Radioansprache an das Volk der Vereinigten Staaten zu richten, was er auch unverzüglich tut.

 

Kaum steht die Radio­leitung, hören die entsetzten Hörer das Aufheu­len von Flugzeugmotoren und den Lärm gewal­tiger Detonationen. Ben Gurions Ruf nach Ver­söhnung, nach einem Neuanfang in Frieden war noch in der Nacht zum 15. Mai 1948 verhallt im Granatenhagel und den Brandbomben der an­greifenden Armeen Ägyptens, Jordaniens, Sy­riens, des Libanon und des Irak. Keine acht Stunden nach der Geburt des Staates Israel. 650 000  Juden gegen dreißig Millionen Araber. Kein Wunder, dass viele an ein Wunder glauben, dass es diesen Staat noch heute gibt.

 

Aber dieses „Wunder“ verdankt der junge Staat seinen Menschen. Menschen wie Esther Eisen aus Lodz. Sie ist 10, als der II. Weltkrieg aus­bricht, sie ist 15 als sie nach Auschwitz kommt, sie ist 19 als sie den Albtraum überlebt hat und in den eben geborenen Staat fliehen kann. Zu­sammen mit ihrer großen Liebe Jakob. Mit 20 ist sie Witwe, denn Jakob wollte in den ersten Krieg, den sie Unabhängigkeitskrieg nennen und fällt. Sie hatte Jakob in Bergen-Belsen geheiratet am Tag vor dem Teilungsbeschluss der UN.

 

Wie Esther ging es den meisten Überlebenden des Holocaust: Europa hatte sich in einen gro­ßen Friedhof verwandelt. Entwurzelt und tief traumatisiert versuchten sie einen neuen Anfang in Israel, erlebten wieder Krieg und Tod und Verlust, aber endlich auch eine jüdische Heimat. Als diese 1967 wieder auf der Kippe stand durch einen bevorstehenden Überfall Ägyptens waren die Überlebenden in panischer Angst. Angst vor einem neuen Holocaust, auch wenn die ägyptische Luftwaffe innerhalb von 80 Mi­nuten Geschichte war.

Heute ist Esther Eisen eine angesehene Künstlerin, bekannt vor allem wegen ihrer eindringlichen Skulpturen, Mahn­male, die an die Judenvernichtung in Europa erinnern und an das eigene Wunder des Überle­bens. Den Krieg, der ihr den Liebsten genom­men hat, stellt sie auch heute nicht in Frage und die anderen, die noch folgen sollten auch nicht.

„Wir haben das Ghetto überlebt und das KZ, wir mussten uns wehren.“

Das Bild von der Schlachtbank, der die europäischen Juden aus­geliefert waren, sollte sich nicht wiederholen.

Sie kann deshalb auch nicht verstehen, wie ge­lassen die Welt damit umgeht, dass der Iran sei­nen Plan zur Auslöschung ihres Staates Schritt für Schritt vorantreibt.

Binnen einen Jahres hat der Iran genügend kernwaffenfähiges Material für den Bau einer Atombombe, zu diesem Er­gebnis kommt jedenfalls der Direktor der Inter­nationalen Atomenergiebehörde und lehnte sich erschöpft zurück. Während Oskar Lafontaine kürzlich meinte, wenn Israel im Besitz einer Atombombe sei, könne man sie dem Iran nicht vorenthalten, obwohl auch er gelesen haben dürfte, was Achmedineschad vor wenigen Ta­gen über Israel sagte und wozu er seine Bombe braucht: damit „eine dreckige schwarze Mikrobe... bald verschwinden“ wird.

Eine Zurechtweisung solcher wiederholten Äuße­rungen eines Mitglied der UN durch die Völker­gemeinschaft: Fehlanzeige, nach dem Motto: Da brülle ein Löwe und der wird schon nicht so böse sein, ein Schaf zu reißen. Aber dem Wolf ist bekanntlich egal, dass das Schaf ein Vegetarier ist.

Immerhin: die Europäische Union hat nun end­lich ein Veto eingereicht gegen diese Verbalat­tacken. Höchste Zeit. Kein westliches Land macht übrigens bessere Geschäfte mit dem Iran als Deutschland.  Auch deshalb ist es gut, dass sich die Bundes­kanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede vor den Vereinten Nationen für schärfere Sanktionen ausgesprochen hat. Doch reine Appelle sind wohlfeil. Moral vor Geschäft, politische Haltung hat einen Preis. Das muss uns klar sein und wir sollten bereit sein, ihn ohne Murren zu bezahlen. Gerade auch in Deutschland.

Die angedrohte Auslöschung Israels nimmt Kontur an und wir nehmen sie hin wie ein unab­wendbares Naturereignis. Oder als ein Schicksal, das sich Israel selbst zuzuschreiben hat durch die Gewalt gegen die Palästinenser, durch die Besat­zung, durch eine Politik der Apartheid, wie nicht nur der weltberühmte Autor von „Sophies Welt“, der Norweger Jostein Gaarder meint. Israel habe „seine eigene Legitimität massakriert“, schrieb er, „weshalb wir uns an den Gedanken gewöh­nen(müssen): der Staat Israel in seiner jetzigen Form ist Geschichte“. Glückwünsche zum Ge­burtstag hören sich anders an.

 

Ohne Israel, ohne die Juden, Frieden in Nahost, viel zu viele in unserem Land werden vermutlich zustimmend nicken.

Und wenn Israel ankündigt, es werde nicht ewig zusehen und vor allem nicht warten, bis der iranische Präsident seine Dro­hung wahr macht, dann titelt der FOCUS: „Israel droht Iran mit Selbstverteidigung“.

 

Israel gefährdet den Weltfrieden, mehr als Nord­korea oder andere finstere Gebilde, meinen einer Umfrage zur Folge 65% der Deutschen.

 

Die westlichen Medien beschäftigen sich er­staunlich entspannt und einfühlsam lieber mit Ahmedinedschads innenpolitischen Koordinaten, als mit der täglichen Angst auf den Straßen von Tel Aviv oder Sderot. Dabei ist er es, der die Hisbollah und die Hamas massiv unterstützt. Wenn Kassamraketen in einem Kindergarten in Sderot einschlagen, gibt es bestenfalls eine so genannte „Wortmeldung“ in den Nachrichten, die Liquidierung der Täter durch israelische Kampfbomber wenige Tage später erleben wir stattdessen mit, Wehklagen, Wut, Verwünschun­gen, alles vor laufender Kamera. Die Hinter­gründe sind dann Schnee vom vergangenen Tag.

 

So ist die Empathie mit Hunderten von ermor­deten Zivilisten in Israel und Tausenden von Verletzten, die Empathie mit den Opfern, in den Medien – von wenigen Ausnahmen wie immer abgesehen  -  wenig ausgeprägt.

 

Selbst dran schuld, höre ich dann wieder, wer Terror sät, erntet eben Terror. Aber stellen wir uns nur für einen Moment lang vor, dass es in Deutschland eine vergleichbare Terrorbedrohung wie in Israel gäbe, dann wären hierzulande be­reits 20.000 Menschen bei Anschlägen gestor­ben– denn das wäre hochgerechnet die Opferzahl hier.

Der frühere Generalbundesanwalt Kay Nehm befürchtet, sollte es in Deutschland nur einen einzigen Terroranschlag geben, „werden wir eine Hysterie erleben, die ohne Beispiel ist“. Und stellen wir uns weiterhin vor, dass alle Attentäter z.B. aus Österreich gekommen wären. Wie glauben Sie, würde hierzulande über die Frage diskutiert, ob Deutschland das Recht hat einen Zaun oder eine Mauer zur Grenzbefesti­gung zu bauen?

 

Arno Lustiger sagte neulich richtig: „Wenn die Araber die Waffen endlich niederlegen, wird es keinen Krieg mehr geben. Aber wenn Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben“.

 

Empathie mit einem um seine nackte Existenz kämpfenden Volk? Bestenfalls kommt dann der Satz: beide Seiten müssten zur Vernunft kom­men, Palästinenser und Israelis, der beidseitige Terror müsse ein Ende haben, die Schandmauer müsse weg, die Siedlungen gestoppt werden und natürlich: die Palästinenser müssten in ihr urei­genes Land zurückkehren dürfen und was der guten Ratschläge mehr sind. Wolf Biermann nannte das kürzlich „die großmäulige Besserwis­serei der Wenigwisser in Europa“, die ihn ab­nervt und gleichzeitig fassungslos macht.

 

Als Israel den 20. Jahrestag seiner Staatsgrün­dung feierte und gerade einen erneuten Krieg gegen seine arabische Nachbarschaft furios ge­wonnen hatte, bröckelte zum ersten Mal die un­eingeschränkte Sympathie mit dem Judenstaat.

Die für ausländische Botschafter reservierten Plätze auf der Ehrentribüne für die Militärparade in Jerusalem blieben leer, nur ein paar uner­schütterliche deutsche Bürgermeister fanden sich ein.

 

Der 6-Tagekrieg hat das Blatt der Sympathie gewendet. Zwar zollte man dem tapferen David gegen den übermächtigen Goliath durchaus Re­spekt. Zunächst. Das war ein militärisches Meisterstück, Dayan, der Mann mit der impo­santen Augenklappe, war auch in Europa ein Held. „Blitzkrieg unterm Davidstern“ war im SPIEGEL anerkennend zu lesen.

 

Aber der Respekt schmilzt rasch dahin. Die erste Ölkrise der frühen 70er Jahre wirft ihre Schatten voraus. Man will es sich nicht mit den Arabern verscherzen. Aber auch etwas anderes spielt eine wichtige Rolle: eine neue Wahrneh­mung der Juden. Nicht mehr als Opfer, sondern als Militärmacht. David war nur solange gut, solange er eigentlich gegen Goliath keine Chance hatte.

 

Bemerkenswert ist gleichzeitig, dass der einset­zende Terror der Palästinenser nicht auf die Mörder zurückschlug. Im Gegenteil: die ersten spektakulären Anschläge der PLO auf die zivile Luftfahrt machten respektable Schlagzeilen. Selbst der Überfall auf die israelische Olympia-Mannschaft in München führte keineswegs dazu, dass die Spiele abgebrochen werden oder dass man sich wieder dem bedrängten Volk Is­rael zugewandt hätte, sondern man sympathisiert lieber mit dem jetzt verzweifelten palästinensischen David der gegen den nun israelischen Goliath kämpft.

 

Israel ist heute das Land mit der mit Abstand größten Korrespondentendichte und ist doch nicht größer als Hessen. Nach Washington und Moskau ist Israel einer der größten Standorte für die ausländische Presse, mehr übrigens als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Nur: Israel zieht daraus keinerlei Vorteile. Auch die Hoffnung, wir würden entsprechend vielfältig über den Nahostkonflikt informiert, erfüllt sich leider nicht.

 

Der holländische Schriftsteller Leon de Winter, Sohn orthodoxer Juden, die den Ho­locaust nur knapp überlebt haben, schreibt zu Recht:

„Um zu überleben, hat Israel seit 1948 vier bittere Kriege mit der arabischen Welt füh­ren müssen. Doch sein schwerster Krieg scheint der gegenwärtige Öffentlichkeitskrieg zu sein“ und er glaubt, „dass Israel diesen Krieg verloren hat“.

 

Das jüngste Beispiel war die dramatische Ver­sorgungslage im Gazastreifen. Geschickt konnte die Hamas einen PR-Coup der besonderen Art landen und in fast allen internationalen Medien unterbringen: Israel stellt dem Gazastreifen den Strom ab. Einfach so.

 

Rührende Bilder von Menschen mit Kerzen kla­gen die Hartherzigkeit Israels an, dummerweise war im Hintergrund vergessen worden, die Be­leuchtung der Strassen und Geschäfte ebenfalls abzuschalten. Das Parlament tagt bei Kerzen­schein. Dummerweise sind die Fenster nicht vollständig abgedunkelt, das gleißende Tages­licht dringt durch die Vorhänge. Eine Klinik ohne Strom und ein Frühgeborenes in einem Be­atmungskasten, mit der Meldung, dass in den örtlichen Kliniken 6 Patienten wegen des Strom­ausfalls hätten sterben müssen. Dummerweise wurde vergessen, die Monitore im Hintergrund abzuschalten.

 

Dass Israel eines der Kraftwerke, das Gaza ver­sorgt, keineswegs abgestellt, sondern nur um 5% [1] zurückgefahren hatte, ging im allgemeinen Em­pörungstaumel weitgehend unter. Ebenso der Umstand, dass die Hamas selbst das einzige Kraftwerk in Gaza gekappt hatte, der besseren Bilder wegen, die nur eines belegen sollten: der imperialistische Nachbar Israel geht über Lei­chen.

 

Doch spätestens seit der blutigen Übernahme des Gaza-Streifens durch die Hamas scheinen sich die medialen Sympathiewerte langsam zu än­dern. Zu offensichtlich hält die Hamas den trostlosen Küstenstreifen im Würgegriff und ihre Bewohner in einer Art Geiselhaft: eine kürzlich veröffentlichte Umfrage unter Palästinensern zeigt: 73% lehnen jetzt die Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen ab [2]. Bei Neuwahlen würde die Hamas einen deutlichen Denkzettel bekommen: sie könnte nur noch 31% der Stim­men auf sich vereinigen.

 

Es sind die Menschen, die den Putsch der Hamas hautnah miterlebt haben. Sie haben gesehen, wie Fatahanhänger vom 15.Stock eines Hochhauses gestoßen wurden, sie haben gesehen, wie die Gegner der Hamas nackt durch Gaza-City ge­trieben und dann in den Dünen exekutiert wur­den, sie haben gesehen, wie alte Frauen und kleine Kinder niedergemetzelt wurden, weil sie in einem Haus des Gegners waren.

 

60 Jahre Israel, ein Wunder kommt in die Jahre.

 

„Noch immer ein Wunder“, mit dieser Zeile war der Leitartikel der Frankfurter Allgemeine zum 25. Jahrestag der Gründung des Staates Israel überschrieben. „Der Zusammenhalt eines Volkes über Jahrhunderte der Diaspora, die Herstellung einer nationalen Einheit, die Wiederbelebung ei­ner toten Sprache, die Selbstbehauptung in meh­reren Kriegen ... in der modernen Geschichte er­scheinen kaum irgendwo rationale Erklärungen so wenig ausreichend wie bei Israel, um zu ver­stehen, wie alles gekommen ist“, schrieb damals die FAZ.

 

Aber ein Land, dessen Menschen sich mit „Shalom“ begrüßen und dessen patriotischer Re­flex „Trotz“ heißt, wie der SPIEGEL schrieb, wird nicht untergehen. Und wenn 44% der Ara­ber in Israel „stolz darauf sind, Bürger Israels zu sein„ und 77% zustimmen, dass dies ein besserer Staat ist als die meisten Staaten der Welt (der Anteil der Juden, die dem zustimmten, lag bei 66%) dann sind das gute Zahlen. Sie hätten auch den Mann mit Stolz erfüllt, der 50 Jahre vor dem Teilungsbeschluss der Uno nach dem ersten Zio­nistenkongress in Basel schrieb: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“, Theodor Herzl.

 

Testamentarisch hatte Herzl verfügt, seine Ge­beine nach Palästina zu überführen, sobald das große Ziel erreicht sei. 1949 dann wurden seine sterblichen Überreste auf dem nach ihm benannten Berg in Jerusalem beigesetzt. Er hat einen wunderbaren Blick auf sein Land. „Macht keine Dummheiten, während ich tot bin“ soll er seinen Anhängern gesagt haben.

 

 

Vielen Dank



[1] Nach Angaben des israelischen Aussenministeriums 

[2] Diese Meinungsumfrage wurde vom „Palestinian Center for Policy and Survey Research (PSR)„ in der Westbank und im Gaza-Streifen vom 6. bis 8. September 2007 durchgeführt. Insgesamt wurden 1270 Erwachsene an 127 zufällig ausgewählten Orten persönlich befragt.

 

 

Dr. Georg M. Hafner, Abteilungsleiter Fernsehen, Politik und Gesellschaft beim Hessischen Rundfunk

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